Die deutsche Gesandtschaft in Warschau hat, wie nun bekannt wird, der polnischen Regierung eine diplomatische Note überreicht. Diese hebt den Streit um das Stickstoffwerk in Chorzow auf eine neue Stufe.[1] In dem Schreiben, das bereits am vergangenen Freitag, dem 25. Juni, übermittelt wurde, fordert die Reichsregierung unzweideutig die Rückgabe des bedeutenden oberschlesischen Industrieunternehmens.[1] Außerdem verlangt Deutschland einen umfassenden Ersatz für den Schaden, der durch die Beschlagnahme des Werkes zugunsten des polnischen Staates entstanden ist.[1]

Die deutsche Regierung stützt ihr Vorgehen auf eine feste rechtliche Grundlage: das Urteil des Ständigen Internationalen Gerichtshofs im Haag.[1] Dieser hatte in seiner Entscheidung vom 25. Mai dieses Jahres die polnische Inbesitznahme des Werkes für völkerrechtswidrig erklärt und damit der deutschen Auffassung in vollem Umfang stattgegeben. Die nun erfolgte Note ist der erste Schritt, aus diesem richterlichen Spruch praktische Konsequenzen abzuleiten und die deutschen Eigentumsrechte wiederherzustellen.

Mit diesem Schritt wächst der Druck auf Warschau, den Schiedsspruch aus Den Haag anzuerkennen und umzusetzen. Die polnische Regierung hatte das Werk im Zuge der Gebietsabtretungen in Oberschlesien für den polnischen Fiskus beschlagnahmt. Dieses Vorgehen betrachtete die deutsche Seite von Beginn an als widerrechtlich.[1] Die Antwort der polnischen Regierung auf die deutsche Forderung wird mit erheblicher Spannung erwartet, da von ihr die weitere Entwicklung der deutsch-polnischen Beziehungen in dieser Angelegenheit abhängt.