Der italienische Ministerrat hat gestern, für die Öffentlichkeit vollkommen unerwartet, eine Reihe weitreichender wirtschaftlicher Verordnungen erlassen.[1] Die einschneidendste dieser Maßnahmen ist die Aufhebung des gesetzlichen Achtstundentages.[2] Durch das neue Dekret erhält das Unternehmertum ab dem 1. Juli die Berechtigung, die tägliche Arbeitszeit um eine Stunde auf neun Stunden zu verlängern.[2]

Die Regierung in Rom rechtfertigt diesen Schritt als notwendige Maßnahme zur Abwendung einer drohenden Wirtschaftskrise und der damit verbundenen Arbeitslosigkeit.[1] Aus dem halbamtlichen Blatt *Popolo di Roma* geht hervor, dass die faschistische Führung vor die Wahl gestellt sei: Entweder müsse sie unter dem wirtschaftlichen Druck des Auslandes nachgeben, oder sie müsse die eigenen Kräfte sammeln.[1] Die Verlängerung der Arbeitszeit, so heißt es dort weiter, sei die Antwort des Faschismus auf dieses Dilemma. Man müsse sich selbst Entbehrungen auferlegen, um „die Ketten zu sprengen, die uns ersticken“.[1]

Die sozialdemokratische deutsche Presse bewertet den Vorgang als weiteren Beweis für die arbeiterfeindliche Haltung des Regimes von Benito Mussolini.[2] Der *Vorwärts* erinnert daran, dass die faschistische Regierung mit dieser Entscheidung bewusst die Bestrebungen der internationalen Arbeiterbewegung untergräbt.[2] Erst kürzlich habe sich die 8. Internationale Arbeitskonferenz in Genf mit der Ratifizierung des Washingtoner Achtstundentag-Abkommens befasst. Dieses Abkommen hat zum Ziel, eine verbindliche internationale Regelung zu schaffen.[2]

Die Verlängerung der Arbeitszeit ist jedoch nur ein Teil eines größeren Programms, das nahezu alle Bereiche des wirtschaftlichen Lebens berührt.[1] Weitere Dekrete verbieten den Bau luxuriöser Privathäuser und Villen. Neubauten sind künftig nur noch für günstige Arbeiter- und Angestelltenwohnungen gestattet.[1] Zudem dürfen keine neuen Hotels, Kabaretts oder Tanzlokale mehr eröffnet werden.[1] Die Regierung kündigte außerdem an, dass der Verkauf von Getränken und Speisen nach 22 Uhr in Kürze untersagt werden soll.[1]

Laut dem Washingtoner *Evening Star* umfassen die Maßnahmen auch eine Begrenzung des Zeitungsumfangs auf sechs Seiten.[1] Gleichzeitig sollen Vereinbarungen mit Industriellen getroffen worden sein, um die Preise für Baustoffe wie Eisen, Zement und Ziegel zu senken.[1] Ferner seien die großen Arbeitgeber dazu angehalten worden, Kantinen einzurichten, damit ihre Angestellten mit Lebensmitteln zu möglichst niedrigen Preisen versorgt werden können.[1]