Der heutige 30. Juni ist für die Republik Österreich ein Tag von geschichtlicher Bedeutung.[1] Mit dem heutigen Tage endet nach beinahe vier Jahren die Finanzkontrolle des Völkerbundes, unter welche der Staat im Jahre 1922 gestellt worden war, um den vollständigen Zusammenbruch seiner Wirtschaft und Währung abzuwenden.[1] Der Generalkommissar des Völkerbundes, der Holländer Dr. Zimmermann, hat seine Mission in Wien beendet und die Amtsgeschäfte niedergelegt.[2]
Der Beschluss des Völkerbundrates folgte einer Empfehlung seines Finanzausschusses vom 7. Juni, in der festgestellt wurde, dass die finanzielle Stabilität Österreichs als gesichert gelten könne.[1] Bundeskanzler Dr. Ramek würdigte in einer Ansprache anlässlich des Abschieds die außerordentlich schwierige und neuartige Aufgabe Dr. Zimmermanns, für die es kein historisches Vorbild gegeben habe.[2] Er sei als Fremder gekommen, so der Kanzler, und scheide als Freund, ja, als „einer der Unsrigen“.[2] Generalkommissar Zimmermann erwiderte in seiner von großer Wärme getragenen Antwort, es werde ihm unmöglich sein, Österreich künftig als ein fremdes Land zu betrachten.[2] Das Wohlergehen des Staates habe dreieinhalb Jahre lang sein ganzes Denken erfüllt.[2]
Die Zeit der Sanierung war für das österreichische Volk, nach übereinstimmenden Berichten, sowohl demütigend als auch hart.[1] Die strenge Aufsicht griff tief in das staatliche Leben ein; besonders die von Dr. Zimmermann mit Nachdruck verfolgte Sparpolitik belastete die Beamtenschaft schwer.[1][2] Die Kölnische Zeitung merkt an, dass der Generalkommissar seine Aufgabe als Beauftragter der ausländischen Geldgeber aufgefasst und dabei eine „raue Hand“ gezeigt habe, der ein „Samthandschuh“ völlig gefehlt habe.[1] Aus Sicht der Wiener Neuen Freien Presse bildeten jedoch gerade sein Widerstand gegen jede Verschwendung und seine unerbittliche Haltung gegenüber inflationistischen Tendenzen die Grundlage für den Erfolg des Werkes.[2]
Obschon die Genfer Operation als geglückt gilt — der Haushalt ist im Gleichgewicht und die Währung fest —, bleibt die Lage schwierig.[1] Die Wirtschaft kämpft mit hoher Arbeitslosigkeit und die Lebensbedingungen sind dürftig.[1] Zudem ist die Souveränität nicht vollständig wiederhergestellt. Dem Berliner Tageblatt zufolge verbleibt Zimmermanns bisheriger Mitarbeiter, Dr. Rost van Tonningen, in Wien, um die Verwendung der Restmittel aus der Völkerbundanleihe weiterhin zu überwachen.[1] Österreich darf über dieses Geld, das es selbst verzinsen muss, nicht frei verfügen.[1] Dennoch wird dieser Tag als jener „Ehrentag“ in Erinnerung bleiben, den Bundeskanzler Seipel im Oktober 1922 vor dem Völkerbund in Aussicht gestellt hatte.[1]