Vor dem Unabhängigkeitsgericht in Smyrna haben die Verhandlungen gegen die Urheber des geplanten Attentats auf den Präsidenten der Republik, Mustafa Kemal Pascha, begonnen.[1] Wie der *Westfälische Merkur* berichtet, ist der Andrang des Publikums zu dem Prozess außerordentlich groß.[2] Den Auftakt bildete die Verlesung der Anklageschrift, die sich gegen eine große Zahl von Personen richtet, darunter zahlreiche Abgeordnete der Nationalversammlung und Führer der vor einem Jahr aufgelösten oppositionellen Fortschrittspartei.[1]
Die Angeklagten sind zum größten Teil ehemalige Freunde und Mitstreiter des Präsidenten aus den Tagen des Befreiungskrieges.[1] Namen wie Kiasim Kara Bekir Pascha, Rauf Bei, Ali Fuad Pascha und Refet Pascha, die einst neben Kemal gefeiert wurden, finden sich nun auf der Liste der des Landesverrats Beschuldigten wieder.[1] Der Staatsanwalt vertritt den Standpunkt, dass sie die geistigen Urheber der Verschwörung gewesen seien.[1]
Für eine Sensation sorgte bereits am ersten Verhandlungstag das umfassende Geständnis des früheren Abgeordneten Zia Hurchid.[2] Er erklärte, die Vorbereitungen zu dem Anschlag reichten mehrere Monate zurück und hätten ursprünglich in Angora oder Brussa stattfinden sollen.[2] Erst aufgrund von Schwierigkeiten sei die Wahl auf Smyrna gefallen.[2] Nach Angaben des *Westfälischen Merkurs* nannte Hurchid den Abgeordneten Schükri Bey als eigentlichen Leiter des Komplotts und belastete weitere Personen schwer, darunter den früheren Gouverneur von Angora, Abdul Kadir.[2] Ein Mitangeklagter namens Ismail Jussuf bestätigte diese Aussagen vollständig.[2]
Die Entfremdung zwischen Kemal Pascha und seinen einstigen Waffenbrüdern entwickelte sich seit längerer Zeit allmählich.[1] Laut der *Neuen Freien Presse* begannen die Differenzen bereits zur Zeit der Friedensverhandlungen von Lausanne.[1] Der endgültige Bruch erfolgte jedoch mit der Abschaffung des Kalifats und der Ausrufung der Republik. Diese Maßnahmen konzentrierten die gesamte Staatsgewalt in den Händen der von Kemal geführten Volkspartei.[1] Beobachter in Konstantinopel rechnen mit großer Schärfe in der Urteilsfindung. Dennoch könnte es mangels ausreichender Beweise auch zu einzelnen Freisprüchen kommen.[1]