Eine schwere Regierungskrise erschüttert das Dominion Kanada. Die liberale Regierung unter Premierminister Mackenzie King ist zurückgetreten, nachdem der Generalgouverneur des Königs, Lord Byng, dem Wunsch des Kabinetts zur Auflösung des Parlaments nicht entsprochen hatte.[1] Daraufhin wurde der Führer der Konservativen, Arthur Meighen, mit der Bildung einer neuen Regierung betraut.[2][1]
Die Übernahme der Amtsgeschäfte durch Meighen steht jedoch unter eigentümlichen Vorzeichen. Gemäß der kanadischen Verfassungsgewohnheit muss der neu ernannte Premierminister sein Abgeordnetenmandat niederlegen und sich einer Neuwahl stellen, bevor er die Regierungsführung tatsächlich aufnehmen kann.[2] Für die Übergangszeit ist deshalb ein provisorisches Kabinett gebildet worden. Die Leitung obliegt Sir Henry Drayton, der als geschäftsführender Premierminister fungiert.[2] So kann die parlamentarische Arbeit fortgesetzt werden.[2]
Die neue Regierung sah sich sogleich einer feindseligen Mehrheit im Unterhaus gegenüber. Laut Berichten aus Paris erlitten die Konservativen bei der ersten Abstimmung eine Niederlage mit 114 zu 115 Stimmen.[2] Die Liberalen hatten einen Antrag eingebracht, der sich gegen einen Tadel für den bisherigen Zollminister Boivin richtete.[2] Dieser ist in einen ausgedehnten Zoll- und Schmuggel-Skandal verwickelt, der den eigentlichen Anlass für den Sturz der Regierung King bildete.[2][3] Aus liberalen Kreisen wird nun umgehend der Rücktritt auch des neuen Kabinetts verlangt, um damit Neuwahlen herbeizuführen.[2]
Die Erbitterung der Liberalen richtet sich vornehmlich gegen die Entscheidung des Generalgouverneurs.[2] Nach Informationen der *Washington Times* kam es in der Nacht zu angespannten Szenen, als der ehemalige Premierminister King Lord Byng im Parlament scharf angriff.[3] Unterdessen hat die neue Regierung Meighen angekündigt, mit starken Maßnahmen gegen den Schmuggel zwischen Kanada und den Vereinigten Staaten vorzugehen.[3] Die kanadische berittene Polizei soll zur Verstärkung der Zollbeamten an die Grenze verlegt werden. Außerdem ist eine Reorganisation der beteiligten Behörden vorgesehen.[3] Es wird erwartet, dass das Parlament die Sitzungen noch am heutigen Tage unter stürmischen Umständen vertagen wird.[3]