Der italienische Botschafter in Paris, Baron Romano Avezzana, hat am gestrigen Tage eine längere Unterredung mit Außenminister Briand geführt.[1] Gegenstand der Besprechung war das unlängst zwischen England und Italien getroffene Übereinkommen über die beiderseitigen Interessen in Abessinien. Dieses Übereinkommen hat in den politischen Kreisen Frankreichs erhebliche Besorgnis ausgelöst.[1]
Die französische Regierung ist vor allem beunruhigt über die möglichen Auswirkungen dieses Abkommens auf den zwischen England, Italien und Frankreich im Jahre 1906 geschlossenen Vertrag über Abessinien.[1] Man befürchtet, dass die neuen Vereinbarungen die politischen und wirtschaftlichen Interessen Frankreichs in der Region schmälern könnten.[1] Zudem bestehen Bedenken, ob die Absprachen mit der Souveränität Abessiniens vereinbar sind; Abessinien ist bekanntlich Mitglied des Völkerbundes.[1] Der amtliche „Petit Parisien“ merkt hierzu an, dass England im Westen und Italien im Süden des Kaiserreichs wirtschaftlich vorzudringen beabsichtigen.[1]
Aus Rom wird die abessinische Frage demgegenüber als nachrangig dargestellt. Dem „Corriere della Sera“ zufolge betrachte Italien die Verhandlungen über die Rechtslage der Italiener in Tunis sowie über das Tangerstatut als vordringlicher.[2] Die Aussprache zwischen Avezzana und Briand habe gleichwohl beide Seiten befriedigt.[1] Unterdessen haben sowohl die britische als auch die italienische Regierung den Notenwechsel über ihre Vereinbarungen dem Völkerbundsekretariat in Genf zur Registrierung vorgelegt, wie aus einer Meldung des „Figaro“ hervorgeht.[3]