Die Vereinigten Staaten von Amerika begehen am heutigen Tage den 150. Jahrestag ihrer Unabhängigkeitserklärung. Am 4. Juli des Jahres 1776 proklamierten die damaligen dreizehn Kolonien ihre Loslösung vom britischen Mutterland — ein staatsrechtlicher Akt, dessen völkerrechtliche Anerkennung erst im Frieden zu Versailles von 1783 erfolgte.[1] Aus dem damaligen Bund von dreizehn Staaten an der Atlantikküste ist eine Weltmacht erwachsen, deren Flagge heute 49 Sterne zählt und deren Gebiet sich von Ozean zu Ozean erstreckt.[1] Das Jubiläum wird nicht nur in Amerika mit großem Aufwand gefeiert, sondern findet auch in den Hauptstädten Europas einen bemerkenswerten Widerhall.
In Berlin veranstaltete die amerikanische Kolonie unter der Führung des Amerikanischen Klubs am Sonnabendabend eine glanzvolle Feier im Hotel Adlon.[2] Der amerikanische Botschafter, Dr. Jacob Gould Schurman, ergriff die Gelegenheit zu einer Ansprache von grundsätzlicher Bedeutung, die weit über den festlichen Anlass hinausging.[3] In einem historisch-philosophischen Rückblick würdigte er zunächst die Entstehungsgeschichte der Unabhängigkeitserklärung und der amerikanischen Verfassung, die einst von Denkern wie Jefferson maßgeblich geprägt wurde.[1] Schurman erinnerte daran, dass die amerikanische Sache von Anbeginn die Sympathien der größten deutschen Geister gefunden habe.[2] So habe bereits der junge Goethe in „Dichtung und Wahrheit“ das weltweite Interesse am Freiheitskampf beschrieben und berichtet, dass die Namen Franklin und Washington am politischen Firmament zu funkeln begannen.[2]
Nach den Worten des Botschafters war es jedoch vor allem der Philosoph Immanuel Kant, der sich als eifrigster Vorkämpfer der amerikanischen Unabhängigkeit unter den Deutschen erwies.[2] Für Kant, so führte Schurman aus, sei dies eine Sache des Idealismus und der Menschheit gewesen.[2] Die amerikanische Republik habe im Geiste Kants den stärksten Widerhall gefunden, da dieser eine verfassungsmäßige Volksregierung als notwendige Voraussetzung für einen ewigen Völkerfrieden betrachtet habe.[2] Diese Einsicht verleihe auch der Bemerkung Lessings, die Amerikaner errichteten in der Neuen Welt die „Loge der Menschheit“, eine tiefere Bedeutung.[2] Auch in Paris wurde der Unabhängigkeitstag feierlich begangen. Wie der Figaro berichtet, versammelten sich zahlreiche Persönlichkeiten zu einem Bankett der Amerikanischen Handelskammer.[4] Der Botschafter der Vereinigten Staaten in Frankreich, Myron T. Herrick, drückte in einer Rede seine herzliche Sympathie für die französische Republik aus.[4] Für die französische Regierung dankte Handelsminister Chapsal und erhob sein Glas auf die Prosperität der amerikanischen Schwesterrepublik.[4] Am Vormittag fand zudem eine Zeremonie am Denkmal für die amerikanischen Freiwilligen an der Place des Etats-Unis statt.[4]
Botschafter Schurman beschränkte sich in seiner Berliner Rede jedoch nicht auf historische Betrachtungen. Mit ernsten Worten wandte er sich den politischen Zuständen der Gegenwart zu und erklärte, die Männer der Unabhängigkeitserklärung hätten sich niemals zu der Ansicht verstanden, ein Volk mit Gewalt zu regieren.[3] Das Auftauchen von Diktaturen im heutigen Europa betrachte er persönlich als eine vorübergehende Phase der Nachkriegsentwicklung.[3] Dem Berliner Tageblatt zufolge ermahnte er alle guten Republikaner, darauf zu achten, dass die Parlamente den Willen des Volkes unverfälscht zum Ausdruck brächten. Andernfalls würden sie mit der Verantwortung belastet, den Parlamentarismus selbst in Misskredit gebracht zu haben.[3] Diese grundsätzlichen Ausführungen wurden von der Versammlung mit großem Beifall aufgenommen.[3]
Derweil spiegelt sich in der amerikanischen Presse eine andere, nüchternere Sicht auf die Rolle der Vereinigten Staaten in der Welt wider. Insbesondere die Beteiligung an den europäischen Angelegenheiten und den Abrüstungsbestrebungen des Völkerbundes wird weiterhin mit großer Zurückhaltung betrachtet. So bezeichnet die einflussreiche Chicago Daily Tribune die Genfer Abrüstungskonferenz als „eine unnütze Konferenz“.[4] Dem Figaro zufolge argumentiert das Blatt, dass eine Unterscheidung zwischen militärischen und zivilen Organisationen kaum möglich sei.[4] Eine große metallurgische Industrie könne schnell in eine Rüstungsindustrie umgewandelt werden, und eine Handelsmarine oder eine zivile Luftfahrtindustrie seien ebenfalls bedeutende militärische Machtfaktoren.[4] Keine vernünftige Nation, so der Tenor, werde ihre Industrie im Frieden lähmen, nur weil sie im Kriege nutzbar sein könnte.[4]