Die politische Lage in Südchina bleibt angespannt. Nachdem Generalissimus Tschiang Kai-schek (Chiang Kai-shek) sowohl die militärische als auch die zivile Gewalt in seinen Händen vereinigt und die wesentlichen Vorbereitungen für den Nordfeldzug abgeschlossen hat, wendet er seine Aufmerksamkeit nun der Frage der Beilegung des Streiks und Boykotts zu.[1] Dem Hong Kong Telegraph zufolge soll er erklärt haben, es sei nunmehr an der Zeit, dieser Auseinandersetzung ein rasches Ende zu bereiten.[1]
Bei einer Unterredung mit dem Streikkomitee wurde die Frage aufgeworfen, ob Tschiang Kai-schek bereit sei, während der bevorstehenden Konferenz vermittelnd einzugreifen. Der General schüttelte den Kopf und gab den Delegierten zu verstehen, dass es sich bei den strittigen Fragen um politische Angelegenheiten handle, die nur von den zuständigen Stellen geregelt werden könnten.[1] Die Verhandlungen sind damit vorerst festgefahren.
Zollstreit in Kanton
Einen besonderen Konflikt birgt der Zollstreit in Kanton. Die Allchinesische Arbeitsunion hat ein Kreisschreiben veröffentlicht, in dem sie gegen die Entlassung von vier Zollangestellten protestiert, denen aufrührerische Agitation vorgeworfen wird.[1] Die Union bestreitet, dass ihre Mitglieder das Zollhaus belagert hätten; sie seien lediglich friedlich auf Mitgliedersuche gewesen. Zwei Tage nach diesen Vorgängen seien die vier Angestellten entlassen worden — nach Auffassung der Union, um einen Streik zu provozieren und die Regierung zur Aufhebung der Gewerkschaftsregistrierung zu zwingen.[1]
Reisnot treibt Massen auf die Straße
In Schanghai hat die Reisnot zu ernsten Ausschreitungen geführt. In Pootung versuchte eine Menschenmenge von rund tausend Personen, in das Kaufhaus Kung Tai Hong einzudringen; es gelang ihr, zwei Pikul Waren zu entwenden, bevor die Polizei einschritt und die Menge zerstreute.[1] Ein Teil der Aufrührer zog sodann zum Yung-Chang-Laden weiter und plünderte ihn, wobei Rufe laut wurden, man wolle keine Haussteuer zahlen und verlange die Einrichtung billiger Reisverkaufsstellen für die Armen.[1] Mehrere Reisläden in Pootung schlossen vorübergehend ihre Türen. Vertreter der Pootunger Bürgerschaft wandten sich daraufhin an General Jen Tschun-yang, den Polizeikommissar von Schanghai und Wusung, mit der Bitte um Schutz.[1] Das Komitee für billige Reisdepots, das von wohlhabenden Bürgern Schanghais getragen wird, erleidet nach Berichten des Hong Kong Telegraph täglich Verluste von 750 Geldeinheiten, um den Reisverkauf auf einem für die Ärmsten noch erschwinglichen Niveau zu halten.[1]
Sun Yat-sens Geheimvorschläge
Ein Korrespondent der China Mail enthüllt aus Kanton, dass Sun Yat-sen kurz vor seinem Tod zweimal im Geheimen bei den Vertragsmächten um aktive Intervention ersucht hat.[2] Den ersten Vorschlag unterbreitete er 1923 in Kanton dem amerikanischen Gesandten in Peking, Jacob Gould Schurman: Er erklärte offen, dass weder eine Persönlichkeit noch eine Partei in China die Kraft besitze, dem Land Frieden zu bringen, und regte eine gemeinsame Intervention der Mächte an.[2] Der Vorschlag wurde kühl aufgenommen. Kurz vor seinem Tod in Peking wiederholte Sun Yat-sen das Angebot; er erklärte sich bereit, eine förmliche Proklamation zu erlassen, die eine solche Intervention begrüßen würde, und versprach, seine verbleibenden Kräfte dafür einzusetzen, das chinesische Volk für den Plan zu gewinnen.[2] Die Großmächte lehnten erneut ab: Sie fürchteten Blutvergießen und erinnerten sich an das Scheitern ihrer Intervention in Sibirien nach dem Krieg.[2] Sun Yat-sen starb, wie die China Mail schreibt, als gebrochener und enttäuschter Mann, während russische Berater in Kanton bereits festen Fuß gefasst hatten.[2] Seine Anhänger in Südchina, wo unter der Kuomintang-Herrschaft rund 60 Millionen Menschen leben, wissen von diesen Geheimvorschlägen nichts.[2]