Der mit Spannung erwartete Bericht des dreizehn Männer starken Ausschusses von Finanzsachverständigen ist gestern Abend durch den Temps der Öffentlichkeit vorgelegt worden.[1][2] Das Dokument, dem man auf allen Seiten der politischen Debatte eine entscheidende Bedeutung für die Sanierung der französischen Staatsfinanzen beimaß, fordert in seiner zentralen Empfehlung die baldestmögliche Ratifizierung des Washingtoner Schuldenabkommens — und dies, wie der Ausschuss ausdrücklich vermerkt, trotz der dagegen erhobenen Einwände, deren Bedeutung keineswegs verkannt werde.[3][2] Binnen kürzester Frist, so heißt es weiter, müsse auch mit Großbritannien über eine endgültige Regelung der französischen Kriegsschulden verhandelt werden.[3][1]
Der Hintergrund dieser dringlichen Empfehlung ist eine einfache Rechnung: Ohne neue Abkommen müsste Frankreich nach Feststellung des Ausschusses im Jahr 1929 auf einen Schlag 400 Millionen Dollar an seine Kriegsgläubiger auszahlen.[1] Die Schulden an die ehemaligen Verbündeten müssten daher geregelt und auf einen langen Zeitraum verteilt werden. Wie die Kölnische Zeitung aus Paris meldet, stützt das Gutachten damit die politische Stellung des Kabinetts Briand-Caillaux gegenüber der Rechten, insbesondere gegenüber dem Abgeordneten Tardieu, der der Öffentlichkeit noch am Vormittag hatte weismachen wollen, die Sachverständigen hätten gar nicht das Bérenger-Abkommen selbst, sondern irgendein noch abzuschließendes anderes zur Ratifizierung empfohlen.[1]
Neben der Schuldenregelung enthält der Bericht ein umfassendes Programm zur Stabilisierung des Franc. Der Temps gibt dessen Kernthese wieder: Der Franc werde erst dann vollständige Stabilität erlangen, wenn der Inhaber von Banknoten das Recht erhalte, eine seiner Note entsprechende Goldmenge zu verlangen — das heißt, wenn der Zwangskurs abgeschafft sei.[2] Dies erfordere jedoch nicht notwendigerweise eine Rückkehr zur Vorkriegsparität; es genüge eine neue gesetzliche Definition des Frankenwertes.[2] Diese gesetzliche Stabilisierung solle der logische Abschluss des gesamten Sanierungswerks sein.
Den Mechanismus der Stabilisierung beschreibt das Gutachten mit bemerkenswerter Klarheit. Die Last der Stützungsoperation könne der Staat allein nicht schultern; in fast allen Ländern, die in den vergangenen Jahren zur Währungsstabilität gelangt seien — der Bericht nennt Österreich, Ungarn, die Tschechoslowakei, Finnland und Großbritannien —, sei diese Aufgabe der Notenbank übertragen worden.[2] Allein die Banque de France verfüge über ausreichende Devisenreserven, die sie auf der Grundlage ihres Goldbestandes beschaffen und durch Zufluss ausländischen Kapitals ergänzen könne.[2] Für die notwendigen Stützungsoperationen bis zum Frühjahr 1927 nennt der Ausschuss drei Quellen: die bereits erhaltene und noch zu beschaffende langfristige Morgan-Anleihe von 1924, Kredite der Banque de France sowie private Handelskapitalien.[4][2]
Zur Lenkung der kurzfristigen Staatsschuldtitel — der sogenannten Bons de la Défense nationale, die der Bericht als ein Erbe der Vergangenheit bezeichnet — sieht das Gutachten die Einrichtung einer eigenen Verwaltungskasse vor, die der Caisse des dépôts et consignations unterstellt werden soll.[2] Die Ausgabebedingungen dieser Schatzscheine seien vom Finanzminister auf Vorschlag der Aufsichtskommission festzusetzen, wobei Vertreter der Banque de France in der Kommission eine marktgerechte Gestaltung der Laufzeiten und Zinssätze sicherstellen sollen.[2]
Kein geringeres Gewicht als der institutionellen Seite legt der Bericht auf die haushaltspolitischen Voraussetzungen. Er fordert strenge Sparsamkeit in der Staatsverwaltung sowie eine sofortige Erhöhung der Staatseinnahmen.[3] Die Höchstgrenze der Vorschüsse der Banque de France an den Staat soll auf dem heutigen Stand endgültig eingefroren werden.[2] Zugleich empfiehlt der Ausschuss, das Gesetz über den Kapitalexport aufzuheben, das sich nach seiner Einschätzung als wenig wirksam erwiesen habe, die natürlichen Abwehrbewegungen der nationalen Währung jedoch bisweilen behindert habe; die Aufhebung werde den Rückfluss ins Ausland abgewanderter französischer Kapitalien erleichtern.[2]
Dass das Sanierungsprogramm seinen Preis haben wird, verhehlt das Gutachten nicht. Die Washington Post hebt hervor, dass der Bericht die stets wiederholte Mahnung von Finanzminister Caillaux bestätigt, Frankreich müsse eine Zeit der großen Entbehrung auf sich nehmen.[3] Die Währungsstabilisierung werde zwangsläufig zu einer Anpassung des Preisniveaus im Innern führen; die damit steigenden Produktionskosten würden die Exportmöglichkeiten gerade dann verringern, wenn zugleich der Inlandsverbrauch durch die höheren Lebenshaltungskosten eingeschränkt werde.[4] Hinzu kämen ein wahrscheinlich steigender Diskontsatz und ein Rückgang der Kreditverfügbarkeit, sodass eine Reihe von Unternehmen, deren Gedeihen allein dem fallenden Franc zu verdanken sei, gefährdet oder vernichtet werden dürfte.[4] Diese Krise sei jedoch vorübergehender Natur und von allen Nationen durchgestanden worden, die ihren Währungshaushalt geordnet hätten.[4] Der Bericht schließt, wie die Washington Post wiedergibt, mit dem Satz, dass bei mutigem und unerschütterlichem Festhalten an einem Programm harter Sparsamkeit und strikter Selbstbeschränkung der Anpassungszeitraum verhältnismäßig kurz und die Rückkehr zu echter wirtschaftlicher Gesundheit eine Tatsache werden könne.[3]
Das Gutachten wird — ähnlich wie seiner Zeit der Dawes-Plan für die Reparationsfrage — als ein in sich geschlossenes Ganzes bezeichnet, das nicht in wesentlichen Teilen verändert werden könne, ohne das gesamte Gefüge zu erschüttern.[3] Bemerkenswert ist die offene Warnung des Ausschusses, dass die Durchführung eines finanziellen Sanierungsplans unter dem gegenwärtigen Zustand monetärer Unordnung Entschlusskraft und ein Maß an Handlungsfreiheit verlange, das sich mit den unvermeidlichen Verzögerungen parlamentarischer Verfahren schlecht vertrage.[3]
In Deutschland wird das Gutachten auch unter einem anderen Gesichtspunkt betrachtet. Die Sächsische Staatszeitung verweist darauf, dass die Militärausgaben im Rheinland das französische Budget erheblich belasten und dass ein friedliches Frankreich in Amerika und anderswo deutlich bessere Kreditaussichten hätte als eines, das im Verdacht stehe, zur Sanierung bereitgestellte Mittel dem Militarismus zuzuführen.[5]
Der Figaro stimmt dem Ausschuss in seiner Grunddiagnose zu, dass die wesentliche Eigenheit der gegenwärtigen Lage die monetäre Instabilität sei, mahnt jedoch, dass der Bericht an manchen Stellen gewagte Empfehlungen neben ausgezeichneten Einsichten stelle; die innere Architektur des Werkes überrasche stellenweise und trage zur Schlüssigkeit des Ganzen nicht bei.[4] Dass auch der Sachverständige Professor Jèze, politisch dem Kartell nahestehend, zum Kapitel der Steuervorschläge einen ausdrücklichen Vorbehalt eingelegt hat — die Steuerauswahl sei vor allem ein politisches Problem —, dürfte die parlamentarischen Auseinandersetzungen der nächsten Wochen deutlich prägen.[1]