Die Nationalsozialisten hielten am vergangenen Sonntag in Weimar ihren Parteitag ab. Vertreter der Linkspresse wurden zur Tagung nicht zugelassen.[1][2] Die Veranstaltung selbst verlief nach übereinstimmenden Berichten völlig ohne politischen Gehalt. Doch was sich in den Straßen der thüringischen Klassikerstadt abgespielt hat, gehört zu den beschämendsten Vorgängen, die ein nationaler Parteitag in Deutschland je begleitet haben.
An mehreren Orten der Stadt kam es zu Schlägereien, die sich teilweise zwischen den Teilnehmern der Tagung selbst entspannen.[1][2] Als ein Oberwachtmeister einen solchen Streit schlichten wollte, wurde er von hinten durch die Lunge geschossen und lebensgefährlich verletzt. Der Täter — ein junger Hitlergardist mit Hakenkreuzbinde — entkam der Polizei.[2] Der Verletzte ist nach Angaben des Vorwärts Wachtmeister Schmidt.[2]
Am Montag durchsuchte die Polizei die Massenquartiere der angereisten Nationalsozialisten und beschlagnahmte dabei zahlreiche Schuss- und Stichwaffen.[1][2] Das Hamburger Echo vermerkt, die Wut der Nationalsozialisten sei besonders deshalb so groß gewesen, weil die Weimarer Bevölkerung ihren Parteitag kaum beachtet habe; die Zahl der schwarz-weiß-roten Fahnen, die aus den Häusern gehangen hätten, sei verschwindend gering gewesen.[1] Die Enttäuschung über diese Gleichgültigkeit entlud sich offenbar in roher Gewalt gegen Unbeteiligte. Frauen und Mädchen mit Bubikopf wurden nicht nur in unflätigster Weise beschimpft, sondern auch geschlagen.[1][2] Ein Überfall, den die Hakenkreuzler am Samstag auf das Volkshaus unternehmen wollten, misslang; sie mussten ohne Erfolg abziehen.[1][2]
Die Vorgänge beschäftigten am Montag auch den Thüringer Landtag. Der sozialdemokratische Abgeordnete Frölich beantragte namens seiner Fraktion eine Erklärung der Regierung zu den Ausschreitungen.[1][2] Bei der Begründung seines Antrags erklärte Frölich wahrheitsgemäß, der Schuss auf Wachtmeister Schmidt sei von einem Nationalsozialisten abgefeuert worden.[2] Daraufhin rief der nationalsozialistische Abgeordnete Dr. Dinter dazwischen, es sei „einer vom Roten Frontkämpferbund" gewesen.[1][2] Diese dreiste Behauptung löste auf der Linken heftige Erregung aus. Der kommunistische Abgeordnete Beck sprang auf Dinter zu und warf einen Tintenlöscher nach ihm; der Präsident schloss ihn sofort von der Sitzung aus.[1][2] Auch der Abgeordnete Tenner wurde ausgeschlossen, nachdem er dem Sitzungsvorstand vorgeworfen hatte, er decke die Schandtaten der Völkischen.[1][2] Unter großem Lärm der Linken lehnte die Mehrheit der Rechtsparteien den sozialdemokratischen Antrag schließlich ab.[1][2]