Brigadegeneral Lincoln C. Andrews, Staatssekretär im Schatzamt und Leiter der amerikanischen Prohibitionsbehörden, ist gestern Nachmittag von Washington nach New York abgereist, wo er um Mitternacht an Bord der Aquitania nach England in See stach.[1][2] Erklärtes Ziel der Mission ist eine engere Zusammenarbeit mit der britischen Regierung, um die Ausfuhr spirituosenhaltiger Ladungen britischer Schiffe nach amerikanischen Häfen zu unterbinden.[1][3]

Die Abreise erfolgte unter bemerkenswerten Umständen, denn Andrews hatte seinem Vorgesetzten, Schatzsekretär Mellon, kurz zuvor ein Rücktrittsgesuch von rund 200 Wörtern überreicht.[3] Darin legte er dar, dass die Reorganisation des Vollzugssystems — sein Auftrag bei Amtsantritt — nach seiner Rückkehr aus England abgeschlossen sein werde, und bat darum, zwischen dem Zeitpunkt seiner Rückkehr und dem 1. September aus dem Dienst entlassen zu werden.[3] Mellon, der dem Vernehmen nach tief bestürzt war, begab sich sogleich ins Weiße Haus und unterrichtete den Präsidenten, der den Schatzsekretär ersuchte, Andrews zur Zurückhaltung zu bewegen.[3] In einem weiteren Gespräch wies Mellon den General darauf hin, dass die Bekanntgabe des Rücktritts zu einem ungünstigen Zeitpunkt erfolge, da Andrews als scheidender Beamter in London schwerlich mit dem nötigen Gewicht werde verhandeln können.[3] Andrews reiste ohne eine endgültige Antwort ab, soll aber seinen persönlichen Vertrauten mitgeteilt haben, seine Entscheidung sei unwiderruflich; er beabsichtige, nach seiner Rückkehr aus Europa Mitte August so bald wie möglich auszuscheiden.[3]

Bereits werden in Administrationskreisen mögliche Nachfolger erörtert. Nach Angaben der Washington Times soll Andrews selbst in seiner letzten Besprechung mit Mellon zwei Namen vorgeschlagen haben: Generalmajor John F. O'Ryan, der im Weltkrieg die 77. Division befehligte, sowie Franklin D'Olier, ehemaliger Vorsitzender der American Legion.[3]

Vor Reportern in New York bestritt Andrews jeden Rücktrittsgedanken und wies darauf hin, dass etwaige Gerüchte auf seine Londoner Mission keinen Einfluss haben würden.[2] Er räumte ein, dass erhebliche Mengen Alkohol aus England und vom Kontinent unter gefälschten Ladepapieren in die Vereinigten Staaten gelangten, erklärte jedoch, der Schmuggel sei nicht im Zunehmen begriffen.[2] Dem Evening Star zufolge verwies Andrews auf den Ausbau der Küstenwacht, auf das bereits bestehende Abkommen mit Kuba sowie auf eine Konvention mit Mexiko; Kanada habe überdies zu weiteren Verhandlungen eingeladen, sodass ein solides Vollzugsgefüge im Entstehen sei.[2] Einen seiner letzten Verwaltungsakte vor der Abreise bildete die Anordnung, Industriealkohol durch Beimischung von Benzin zusätzlich zu vergällen, um den Missbrauch durch Schwarzhändler in Städten wie New York weiter zu erschweren.[1]