Dass die Wunden des Krieges im wissenschaftlichen Leben noch lange nicht verheilt sind, belegen die Mitteilungen, die Geheimrat Professor Willstätter (München) in der Generalversammlung der Deutschen Chemischen Gesellschaft vorgetragen hat und die nunmehr in den Berichten der Gesellschaft im Druck vorliegen.[1] Der Befund, den der angesehene Forscher zeichnet, ist ernüchternd: Im achten Jahre nach Kriegsende haben die internationalen Beziehungen der Deutschen Chemischen Gesellschaft keine merkliche Belebung erfahren.[1]

Willstätter stellt fest, dass ein gewisses Missverhältnis fortbesteht zwischen dem Andrang jüngerer Gelehrter aus den alliierten Ländern an deutsche Hochschulen einerseits und der fortdauernden Ausschließung der deutschen Chemiker von den internationalen Vereinigungen andererseits.[1] „Es gibt kaum eine Disziplin", so Willstätter, „in der so wie in der Chemie das Trennende zu konservieren gesucht wird".[1] Die Politiker hätten längst den Bedürfnissen gemeinsamer Arbeit Rechnung getragen, die Gelehrten aber fänden sich nur sehr langsam bereit, wieder kollegialen und persönlichen Verkehr zu pflegen.[1] Als Erklärung vermutet Willstätter, dass es den Chemikern mancher Länder an Unabhängigkeit im Urteil und in der Stellungnahme fehle.[1]

Die Kölnische Zeitung fügt hinzu, dass neben den wissenschaftlichen auch starke wirtschaftliche Interessen im Spiel sein dürften: Die herrschende Unsicherheit im internationalen Patentwesen lasse sich gegenüber den einstigen Kriegsgegnern länger aufrechterhalten und unter geringeren moralischen Bedenken ausnutzen als unter geregelten Verhältnissen.[1]

Ein bezeichnendes Beispiel liefert die Hundertjahrfeier der Entdeckung des Benzols, die große englische Gesellschaften im vergangenen Jahr veranstalteten — ohne Beteiligung der deutschen Chemiker, wie Professor P. Walden in der Zeitschrift für angewandte Chemie bedauernd vermerkt hat.[1] Willstätter kommentiert dies mit der Bemerkung, ihm sei nur wichtig, dass die deutschen Forscher ihren Anteil an der Arbeit hätten, nicht an einer Feier — und erinnert daran, welchen Anteil Mitscherlich, Hofmann und Kekulé an der Geschichte des Benzols tragen.[1]

Besonderes Aufsehen erregt die Affäre um Emil Fischer. Die Amerikanische Chemische Gesellschaft hat beschlossen, Fischer wieder in die Liste ihrer Ehrenmitglieder aufzunehmen, und begründet dies damit, Fischer habe vor seinem Tode den Aufruf der 93 deutschen Professoren widerrufen.[1] Willstätter widerspricht dieser Darstellung ausdrücklich: Fischer habe den Aufruf in gewisser Hinsicht nachträglich anders beurteilt, ihn jedoch nicht widerrufen.[1] Eine so begründete Wiederaufnahme, während die Streichung anderer deutscher Ehrenmitglieder fortbestehe, könne nur peinliche Empfindungen wecken.[1]

Diesen Befunden verleiht ein Vortrag zusätzliches Gewicht, den der Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für physikalische Chemie, Geheimrat Professor Haber, vor den zu Besuch gekommenen amerikanischen Ärzten hielt: Er mahnte dringend, die Kriegserinnerungen abzubauen, um auf wissenschaftlichem wie auf kulturellem Gebiet zu friedlicher Zusammenarbeit zu gelangen.[1] Als Leitspruch dieser Bemühungen mag das Wort gelten, das Willstätter von Einstein in Erinnerung ruft: „Der Fortschritt der Wissenschaft vermag nicht den fehlenden guten Willen und die unzulängliche Liebe zum Mitmenschen zu ersetzen".[1]