Vom Verein Deutscher Studenten eingeladen, hat Reichsaußenminister Dr. Stresemann unlängst in der Berliner Universität eine Rede gehalten, die in der Öffentlichkeit einiges Aufsehen erregt hat.[1] Der Minister forderte die Studenten auf, am heutigen Volksstaat freudig mitzuarbeiten. Mehrere Hörer versichern, er habe auch das Wort ‚republikanisch' ausdrücklich über die Lippen gebracht.[1]

In seiner Ansprache wies Stresemann darauf hin, dass Deutschlands Zeit des größten politischen Aufschwunges zugleich eine Zeit des tiefsten Niederganges geworden sei, weil, wie er formulierte, „innere Schwächlichkeit und seichte Materialisierung" sich hätten breit machen dürfen und weil das Volk verlernt habe, am Geschehenen innerlich Anteil zu nehmen.[1] Den Bruch im Volke führte er darauf zurück, dass die einen sich als soziale Herrenschicht gebärdet hätten, während sich die anderen unterdrückt wähnten. Daraus seien neue Formen des staatlichen Lebens erwachsen, freilich auch eine „überspitzte Durchführung" demokratischer Grundsätze.[1]

Besondere Aufmerksamkeit verdiente Stresemanns Bemerkung über die Revolutionstage: Nicht das Bürgertum, das in philiströser Untätigkeit den Dingen ihren Lauf gelassen habe, habe den Bolschewismus ferngehalten, sondern vor allem Friedrich Ebert habe Deutschland auf die Bahnen der Legalität zurückgeführt.[1] Auch Severing, den er den „viel angefeindeten preußischen Minister" nannte, erwähnte Stresemann lobend.[1] Von sich selbst erklärte er, er sei grundsätzlich Optimist; in den gegenwärtigen Verhältnissen könne man nur mit Optimismus, nicht mit zersetzendem Pessimismus vorwärtskommen.[1]

Zum Schluss bekannte Stresemann, auch wer wie er den Untergang des alten Kaiserreiches mit Schmerzen miterlebt habe, müsse dem heutigen Volksstaat seine ganze Kraft gern und freudig zur Verfügung stellen.[1]

Das Berliner Tageblatt begrüßt die Rede als guten Anfang. Es mahnt Stresemann jedoch, nun auch jenes Bürgertum anzusprechen, das der Erziehung zur Staatsgesinnung noch bedürfe — die politisch gleichgültigen Wirtschaftskreise, die gesellschaftlichen Snobs und die Lauen, die noch immer nicht begreifen wollten, dass nur auf einem gesicherten Staatsboden ihr Geschäft gedeihen könne.[1]