Der Volksentscheid über die Fürstenabfindung und sein Ausgang beschäftigen die sozialdemokratische Presse weiterhin mit erheblicher Schärfe. Das Hamburger Echo veröffentlicht einen grundsätzlichen Beitrag von Carlo Mierendorff. Er erblickt in dem Verhalten der Regierung gegenüber der Volksbewegung eine schwere Gefährdung der deutschen Demokratie.[1]

Mierendorff geht von der Feststellung aus, dass schon nach dem Volksbegehren keinerlei ernsthafte Neigung erkennbar gewesen sei, das Votum der Massen zu berücksichtigen. Die 12,5 Millionen Unterschriften hätten auf die Regierungsbürokratie keinerlei Eindruck gemacht; die Grundsätze der Regierungsvorlage über die Fürstenabfindung seien nicht einmal wesentlich verschärft worden, um dem Volkswillen entgegenzukommen.[1] Nach dem Volksentscheid selbst sei das Verhalten noch krasser gewesen: Die wenigen Konzessionen im Kompromiss hätten der Regierung und den sie stützenden Parteien förmlich abgerungen werden müssen.[1]

Die Sozialdemokratie habe dem Abfindungskompromiss die Zustimmung verweigert, weil die Lösung materiell höchst unbefriedigend gewesen sei. Doch Mierendorff betont einen weiteren Grund: Eine so offenkundige Verachtung der öffentlichen Meinung hätte schlechterdings nicht ohne den schärfsten Protest hingenommen werden dürfen. Andernfalls wäre, so der Autor, der Todesstoß für die junge deutsche Demokratie erfolgt.[1]

Besonders pikant ist der Hinweis auf die Frankfurter Zeitung: Jenes Blatt hatte sich seinerzeit vornehmlich mit dem Argument für den Volksentscheid eingesetzt, eine möglichst hohe Stimmziffer für die Enteignung werde Druck hinter die endgültige Gestaltung des Regierungskompromisses setzen. Was daraus geworden sei, wisse man.[1]

Den bürgerlichen Parteien, die auf das sozialdemokratische Nein mit Vorwürfen reagiert und mit allerhand »Konsequenzen« gedroht hätten — namentlich Reichsminister Külz, dessen Umgang mit diesem Begriff Mierendorff als lächerlich bezeichnet —, hält der Autor vor, dass auch sie ihre Beauftragten im Kabinett zur nötigen Rücksicht auf die öffentliche Meinung hätten anhalten müssen.[1]

Der Kommentar schließt mit einer strukturellen Kritik: Solange die bürgerlichen Parteien darauf spekulieren könnten, dass ein wohlgesinnter Reichspräsident sie vor vorzeitigen Neuwahlen bewahre und das Wählervolk seine Empörung bis zum regulären Wahltermin vergessen haben werde, fehle ein wirksamer Hebel parlamentarischer Rechenschaft. Gäbe es Nachwahlen nach englischem Vorbild, sähe die Sache, so Mierendorff, schon anders aus.[1]