Die Frage, wer in Marokko das letzte Wort spricht, beschäftigt dieser Tage die gesamte europäische Presse — und längst nicht alle Antworten klingen so einmütig wie die offizielle Verlautbarung aus Paris.

Die Moskauer Prawda widmet der sogenannten ‚Freundschaft' zwischen Frankreich und Spanien in Marokko einen aufschlussreichen Kommentar.[1] Der französische Abgeordnete Doriot habe, so das Blatt, von der Parlamentstribüne aus mit Dokumenten in der Hand nachgewiesen, dass Frankreich mehrfach versucht habe, die spanischen Verbündeten schlicht zu übergehen und die Rif-Stämme heimlich mit Waffen für den Kampf gegen Spanien zu versorgen.[1] Hinter der formell schwachen Stellung Spaniens in Marokko verberge sich jedoch die mächtige Hand Englands, dessen eigentlicher Schützling in diesem Zusammenhang Spanien sei.[1]

Als Beleg führt die Prawda an, dass in kritischen Momenten des Rifkrieges ein britischer Offizier a.D. auf privatem Wege in Paris erschienen sei, um Friedensvorschläge zu unterbreiten.[1] Die Londoner Daily Telegraph habe das britische Interesse an der Marokko-Frage unterdessen mehrfach betont und zuletzt unverhohlen erklärt, England werde in dieser Angelegenheit sein eigenes Wort sprechen.[1] Derzeit verhandle der spanische König persönlich in London darüber, dass Tanger — gemäß dem Mächteabkommen von 1923 eine internationale Zone — dem spanischen Protektorat angegliedert werden solle.[1] Die Prawda lässt keinen Zweifel daran, was hinter diesen Verhandlungen zu suchen sei: Ein spanisches Protektorat bedeute in Wirklichkeit ein englisches.

Eine sachlichere, wenngleich nicht minder aufschlussreiche Perspektive liefert die Kölnische Zeitung zum jüngst geschlossenen französisch-spanischen Marokkoabkommen.[2] Danach sollen diejenigen Rif-Stämme, deren Siedlungsgebiete beiderseits der Zonengrenze liegen, einer einheitlichen Verwaltungsbehörde unterstellt werden. Als Beispiel nennt das Blatt die Beni Serual, die bisher teils der spanischen Zone angehörten und nun ganz der französischen Verwaltung zugeteilt werden sollen.[2] Um förmliche Grenzänderungen — und damit die Einmischung dritter Staaten — zu vermeiden, soll diese Regelung ohne Neuziehung der Grenzen erfolgen. Beiden Mächten wird zudem ein gemeinsames Verfolgungsrecht in der Grenzzone eingeräumt, damit aufständische Stämme wirksam niedergehalten werden können.[2]

Den glanzvollsten Rahmen für die marokkanische Gegenwart setzt dieser Tage Paris selbst. Der Figaro berichtet ausführlich vom ersten Besuch eines marokkanischen Sultans auf französischem Boden: Moulay Youssef ist in der Hauptstadt eingetroffen — ein Ereignis, das das Blatt als Zeichen des Vertrauens in die französische Schutzherrschaft wertet.[3] Seit Moulay Ismaïl, dem Zeitgenossen Ludwigs XIV., habe kein Sultan wirklich über Marokko geherrscht; erst Frankreich habe nach vierzehn Jahren Anstrengung Ordnung und Sicherheit hergestellt, schreibt der Figaro.[3] Der neue Resident General Steeg werde die Politik seines Vorgängers Lyautey fortsetzen, und der Sultan werde mit ihm ebenso loyal zusammenarbeiten wie einst mit dem Marschall.

Wie weit diese Darstellung von der Lesart der Prawda entfernt ist, bedarf keiner weiteren Erläuterung. Was die einen als aufrichtige Schutzherrschaft feiern, gilt den anderen als verschleiertes Instrument imperialer Rivalität — und die Frage, wessen Interessen in Marokko tatsächlich bedient werden, ist mit dem Ende des Rifkrieges keineswegs beantwortet.