Der Sonntag auf der Avusbahn im Grunewald wird noch lange in unerfreulicher Erinnerung bleiben. Das große internationale Automobilrennen um den Großen Preis von Deutschland, das gestern vor einem dicht gedrängten Publikum ausgefahren wurde, forderte zwei Menschenleben und hinterließ mehrere Schwerverletzte.[1][2]

Den Anfang nahm das Rennen programmgemäß um 2 Uhr nachmittags bei schönem Wetter. Gegen 3 Uhr setzte jedoch ein heftiger Gewitterregen ein, der die zementierte Fahrbahn äußerst glatt machte, sodass die Rennwagen bei ihrer außerordentlichen Geschwindigkeit wiederholt ins Schleudern gerieten.[1] Kurz darauf ereignete sich der erste schwere Unfall unmittelbar vor der Tribüne L, nahe der Pressetribüne. Der Mercedesfahrer Adolf Rosenberger aus Pforzheim, der kurz zuvor noch viermal als Erster an der Zeittafel geführt worden war und allgemeine Bewunderung genossen hatte, kam beim Einbiegen gegen die Zeittafel Nr. 4 — etwa 100 Meter vor der Ziellinie — ins Schleudern und prallte mit dem Hinterende seines Wagens in die dort stehende Bretterbude.[1][2] Mehrere Helfer, darunter Arbeitslose und Studenten, wurden von herumfliegenden Holz- und Eisenteilen getroffen. Der 28-jährige Student Wilhelm Kolbe wurde von einem Eisenteil so schwer am Kopf getroffen, dass er wenige Minuten später starb. Der Student Kleinjorge erlitt schwere Verletzungen und wurde ins Westender Krankenhaus eingeliefert. Der beschäftigungslose Maler Gustav Rosenow kam mit schweren Beinverletzungen ins Lichterfelder Krankenhaus, wo er heute Vormittag nach der Amputation beider Beine verstarb.[1] Rosenberger selbst erlitt nur leichte Verletzungen und konnte das Krankenhaus noch am selben Tage verlassen.[1]

Kurze Zeit darauf ereignete sich in der Nordkurve ein zweiter Unfall. Hugo Emmerich aus Prag, der einen Talbot-Wagen fuhr, verlor in der Kurve die Gewalt über sein Fahrzeug, fuhr die Böschung hinauf und durchbrach den Drahtzaun. Daraufhin stürzte der Wagen in die Zuschauermenge. Glücklicherweise wurden dabei nur drei Personen erheblich, jedoch nicht lebensgefährlich verletzt, darunter der Polizeiunterwachtmeister Grätz.[1]

Das Berliner Tageblatt, das die Katastrophe durch eigene Beobachter von der Tribüne aus verfolgte, stellt die bange Frage, ob die Avus weiterhin als Rennbahn dienen dürfe. Jeder Teil der langen Strecke habe seinen Unglücksfall gehabt, und auf dieser schmalen, mitunter recht holprigen Bahn hänge bei einer Geschwindigkeit von 150 Kilometer und mehr alles nur an einem seidenen Faden.[2]

An der Rennleitung wird scharfe Kritik geübt. Der Vorwärts bezeichnet es als unverantwortlich, dass die Leitung sich nicht vor dem Rennen mit dem Rettungsamt in Verbindung gesetzt hatte. Nur der persönlichen Initiative von Dr. Paul Franck, dem Leiter des Rettungsamtes, war es zu verdanken, dass überhaupt ein großer Krankenwagen zur Stelle war.[1] Der Abtransport der Verletzten gestaltete sich äußerst gefährlich, da die Rennwagen ungehindert weiterfuhren und die Krankenwagen an der Innenseite der Bahn nur wenige Meter von den mit 150 bis 160 Kilometer heranrasenden Fahrzeugen entfernt verkehren mussten.[1] Als größte Fahrlässigkeit gilt, dass die Rennen nicht sofort abgestoppt wurden.[1]

Fachkundige betonen überdies, dass die Bahn mit ihrer Breite von lediglich 8 Metern für die neuesten Rennwagen viel zu schmal sei. Die enorm gestiegene Geschwindigkeit der Fahrzeuge erfordere mindestens eine Verdopplung der heutigen Breite. Hinzu komme, dass Tribünen, Zeittafeln und Rennleitungshäuschen hart an die Fahrbahn herangebaut sind, sodass ein Ausgleiten der Fahrzeuge schwerste Katastrophen herbeiführen könne.[1] Das Berliner Tageblatt hatte auf diese Mängel bereits vor dem Unglückssonntag hingewiesen, sieht sich aber durch die Ereignisse zu seinem Bedauern bestätigt.[2]

Trotz all dieser Schatten verzeichnete das Rennen sportlich einen deutschen Erfolg. Im Gesamtklassement belegte Rudolf Carracciola aus Dresden auf Mercedes mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 136,1 Stundenkilometern den ersten Platz, gefolgt von Christian Riecken aus Berlin auf NAG mit 132,5 Stundenkilometern und Cleer aus Frankfurt am Main auf Alfa-Romeo mit 130,6 Stundenkilometern.[1]