Der Thüringer Landtag schloss am Samstag seine Tagung, um in dreimonatige Ferien zu gehen, jedoch nicht ohne erhebliche tumultuarische Szenen.[1] Während der Beratung des Nationaltheateretats verlangten die kommunistischen Abgeordneten vom Volksbildungsminister lautstark Auskunft darüber, welche Summen die Nationalsozialisten für die Überlassung des Theaters zu ihrem Reichsparteitag entrichtet hätten.[2] Da diese Anfrage bereits durch die Sozialdemokraten schriftlich gestellt und beantwortet worden war, verweigerte der Minister eine erneute Erklärung.[2] Daraufhin brüllten die kommunistischen Parlamentarier unaufhörlich in Richtung des Ministertisches und schlugen mit den Fäusten auf ihre Pulte.[2] Um die Ordnung wiederherzustellen, schloss der Landtagspräsident zunächst den Abgeordneten Fischer und im weiteren Verlauf den Abgeordneten Engert von der Sitzung aus.[2] Da die Ausgeschlossenen den Saal nicht verlassen wollten, musste die Sitzung vertagt werden.[2]
Die gereizte Stimmung entlud sich nach dem Ende der Verhandlungen in direkter physischer Gewalt. Wie das Hamburger Echo meldet, stellte der völkische Abgeordnete Dr. Dinter den Sozialdemokraten Dr. Kieß zur Rede und forderte ihn auf, Äußerungen vom Vortag zurückzunehmen.[1] Als Dr. Kieß dies mit den Worten „Das fällt mir gar nicht ein“ ablehnte und den Saal verließ, um einem Telefonruf zu folgen, griff Dr. Dinter ihn im sogenannten Klubsesselzimmer von hinten an.[2][1] Er versetzte dem Sozialdemokraten einen heftigen Faustschlag in den Nacken, wobei dessen Brille zu Boden fiel und zerbrach.[2][1] Der Angegriffene setzte sich jedoch so energisch zur Wehr, dass der völkische Parlamentarier schließlich von weiteren Angriffen absah und eilig den Raum verließ.[1]
Wenige Minuten später ereignete sich ein weiterer schwerer Zwischenfall, als der ehemalige Kommandant der thüringischen Landespolizei und jetzige Führer der Werwolf-Organisation, Müller-Brandenburg, das Gebäude betrat.[2][1] Nach Angaben der Deutschen Allgemeinen Zeitung wurde er von mehreren kommunistischen Abgeordneten gestellt und wegen des Überfalls von Dr. Dinter auf Dr. Kieß scharf zur Rede gestellt.[2][1] Dabei warfen ihm die Kommunisten vor, dass „einer von seinem Gesindel“ den Sozialdemokraten verprügelt habe.[2][1] Daraufhin griff Müller-Brandenburg rasch nach seiner Gesäßtasche, sodass die Anwesenden annahmen, er wolle eine Schusswaffe ziehen.[2][1] Tatsächlich zog er einen sogenannten Totschläger — eine schwere Bleikugel an einem Lederriemen — hervor.[2][1] Bevor er diese Waffe jedoch verwenden konnte, wurde er in einem Handgemenge von den Kommunisten entwaffnet, wobei er einigen Berichten zufolge Ohrfeigen und Schläge erhielt.[1] Der zufällig anwesende Dezernent der Landespolizei, Regierungsrat Dr. Leerung, nahm die beschlagnahmte Waffe an sich und fertigte unverzüglich ein amtliches Protokoll über den Vorgang an.[2]