In den Gassen von Smyrna (Izmir) vollzog sich gestern der drastische Schlusspunkt des ersten Aktes im großen Verschwörerprozess. Vor dem Regierungsgebäude und in den städtischen Anlagen hingen unter schräg gestellten, grobgehauenen Holzbalken dreizehn Männer im weißen Büßerhemd, die zuvor vom Unabhängigkeitsgericht zum Tode verurteilt worden waren.[1] Wie die Neue Freie Presse aus Konstantinopel berichtet, befanden sich unter den Hingerichteten höchste ehemalige Würdenträger des Staates — darunter ein General und ehemaliger Armeeführer, ein früherer Unterrichtsminister, ein Justizminister sowie fünf Abgeordnete.[1] Hinzu kamen drei gedungene, berufsmäßige Mörder.[1]

Die Exekutierten gehörten durchweg der oppositionellen Republikanischen Fortschrittspartei an.[1] Die eigentlichen Führer dieser Fraktion zählten jedoch zu jenen fünfzehn Angeklagten, die von den Richtern freigesprochen wurden.[1] Das Verfahren in Smyrna bildet damit nur den Auftakt zu einer noch umfassenderen politischen Abrechnung.[1]

Dem Wiener Blatt zufolge werden sich in Kürze führende Köpfe wie Dschavid Beh (Cavid Bey) und Kara Wasis Beh (Kara Vasıf Bey) vor dem Unabhängigkeitsgericht in Angora (Ankara) im sogenannten Unionistenprozess verantworten müssen.[1] Man wirft dem als offiziell aufgelöst geltenden jungtürkischen Komitee für Einheit und Fortschritt einen ungestillten Durst nach Macht sowie den Willen vor, die einstige Herrschaft im Staat mit allen Mitteln wieder an sich zu reißen.[1] Die jungtürkische Partei verband seinerzeit westeuropäische Parteistrukturen mit den düsteren Methoden der Geheimbündelei und der Bandenorganisation.[1] Der Freispruch der als Hauptverantwortliche geltenden Angeklagten einerseits und die Hinrichtung der übrigen Oppositionellen andererseits bezeugen laut den Beobachtern, wie unerbittlich die aktuelle Regierung zwischen erlaubter politischer Tätigkeit und staatsgefährdenden Netzwerken unterscheidet.[1]