Die neu entbrannte Auseinandersetzung über die interalliierten Kriegsschulden hat in den Vereinigten Staaten erhebliche Verstimmung hervorgerufen.[1] Nachdem der britische Schatzkanzler Winston Churchill im Unterhaus die amerikanische Haltung kritisiert hatte, veröffentlichte das amerikanische Finanzministerium nun eine detaillierte Erwiderung.[2] Wie der Pariser Temps in seiner Auswertung des amerikanischen Memorandums berichtet, beliefen sich die britischen Ausgaben in den Vereinigten Staaten bis November 1920 auf insgesamt gut 7,2 Milliarden Dollar.[2] Das amerikanische Schatzamt rechnet jedoch vor, dass hiervon 1,85 Milliarden Dollar lediglich als Durchlaufposten für andere alliierte Mächte dienten. Diese Mittel erstattete England aus amerikanischen Krediten an andere Alliierte.[2] Weitere 1,68 Milliarden Dollar flossen in Baumwollkäufe sowie in Devisentransaktionen zur Stützung des Pfund Sterling. Dadurch konnte Großbritannien Einkäufe in Drittländern ohne Wechselkursverluste tätigen.[2] Zudem seien über zwei Milliarden Dollar für Lebensmittel und Tabak aufgewendet worden, die zum Teil gewinnbringend an die Zivilbevölkerung oder an Verbündete weiterverkauft wurden.[2] Die amerikanische Regierung folgert daraus, dass es sich vielfach um rein kommerzielle Operationen handelte, die dem Schuldner vorteilhaft waren. Daher komme eine Annullierung der Verbindlichkeiten nicht in Frage.[2]

Die amerikanische Presse verteidigt die strikte Schuldenpolitik der Regierung derweil auffallend einmütig.[1] Laut der Deutschen Allgemeinen Zeitung greift die New York Times die britischen Vorwürfe scharf an und stellt die rhetorische Frage, wann England jemals eine Menschenseele höher geschätzt habe als seinen Handel.[1] Auch die Baltimore Sun spricht sich gegen die europäische Kritik an Staatssekretär Andrew Mellon aus.[1] Das Blatt betont, die eigentliche Ursache für die amerikanische Strenge liege in der festen Überzeugung Washingtons, dass Männer wie David Lloyd George und Georges Clemenceau einst das Friedenswerk des Präsidenten Woodrow Wilson zerstört und die bekannten vierzehn Punkte verletzt hätten.[1] Für die amerikanische Öffentlichkeit erscheinen die europäischen Forderungen nach einem Schuldenerlass deshalb unbegründet.[1]

In Europa zeigt der amerikanische Druck unterdessen deutliche innenpolitische Auswirkungen. In Frankreich stürzte soeben das Kabinett unter Aristide Briand, wobei die Schuldenfrage eine zentrale Rolle spielte.[3] Nach Berichten des Vorwärts verteidigte der Kammerpräsident Édouard Herriot sein aktives Eingreifen damit, dass er die finanzielle Stabilisierung des Landes keinesfalls von der Ratifizierung der Kriegsschuldenabkommen mit Washington abhängig machen wolle.[3] Das französische Volk lehne auswärtige Anleihen ab und müsse die Sanierung aus eigener Kraft und durch eigene Opfer vollbringen.[3] Die Parlamentsdebatte löste in Paris erhebliche Unruhen aus; rund 10.000 Menschen demonstrierten vor der Kammer, während die Abgeordneten das Gebäude teilweise in Panik durch Hintertüren verließen.[3]

Auch Italien leidet unter der Last der internationalen Verpflichtungen. Der Berichterstatter der Badischen Presse meldet aus Rom, dass die Regierung vor allem der kontinuierliche Verfall der Lira mit großer Sorge erfüllt.[4] Zwar weist die staatliche Bilanz laut den Berechnungen von Finanzminister Giuseppe Volpi einen Überschuss von 1,2 Milliarden Lire auf. Dieser Betrag verringert sich jedoch auf 300 Millionen, sobald die Zahlungen zugunsten der Schuldenamortisationskasse berücksichtigt werden.[4] Die formellen Schuldenabkommen mit Amerika und England zehren somit die italienischen Haushaltsüberschüsse fast vollständig auf.[4]