Eine drückende Hitzewelle, die ihren Ursprung im amerikanischen Mittelwesten nahm, hat die östliche Hälfte der Vereinigten Staaten erfasst und fordert einen schweren Tribut an Menschenleben.[1][2] Dem Evening Star zufolge sind allein im Mittleren Westen während der vergangenen drei Tage rund fünfzig Personen direkt oder indirekt an den Folgen der extremen Temperaturen gestorben.[1][2] In Chicago stieg das Thermometer offiziell auf 96 Grad Fahrenheit. Auf den Straßen wurden sogar über 100 Grad gemessen — der heißeste 21. Juli seit zweieinhalb Jahrhunderten.[1] Landwirte im Maisgürtel fürchten nun schwere Ernteschäden, falls der ersehnte Regen weiterhin ausbleibt.[1]

An der Atlantikküste zeigt sich ein ähnliches Bild. Die Deutsche Allgemeine Zeitung meldet übereinstimmend Rekordhitze aus weiten Teilen des Landes, darunter Philadelphia, Boston, Portland und New York.[3] In der Millionenmetropole New York kletterte die Quecksilbersäule auf 96 Grad. Die Behörden berichten, dass insgesamt vierzig Menschen im Osten der Republik hitzebedingt zu Tode kamen.[1][2] Auf der Suche nach Linderung flüchteten allein 350.000 Menschen an die Strände von Coney Island.[2] Weiter nördlich meldete Boston 98 Grad, während in Albany alle Wetterrekorde der letzten achtzig Jahre fielen.[2] Im Bundesstaat New York mussten die Fabriken in Lockport den Betrieb einstellen, und in Utica erlag ein Arbeiter auf der Straße der Hitze.[1] Selbst jenseits der nördlichen Grenze, in den kanadischen Provinzen, litten die Städte Windsor und London unter Temperaturen von bis zu 96 Grad.[1]

Besonders dramatisch ist die Lage in der Bundeshauptstadt Washington. Das offizielle Thermometer des Wetterbüros zeigte 104 Grad. Am Straßenkiosk an der Pennsylvania Avenue stieg die Hitze sogar auf unerträgliche 107,5 Grad.[1][2] Die Washington Post berichtet, dass die Hauptstadt damit der heißeste Ort der Vereinigten Staaten außerhalb der Wüstenregionen im Südwesten war.[1] Meteorologe Mitchell verglich die Verhältnisse mit Yuma in Arizona, wo solche Werte zwar alltäglich sind, in Washington jedoch zuletzt im August 1918 ähnliche Qualen herrschten.[1] Das Straßenpflaster erweichte in der prallen Sonne; auf der M Street im Stadtteil Georgetown schmolz der Teer derart, dass er an den Reifen der Lastwagen klebte und Pferden das Vorwärtskommen spürbar erschwerte.[2]

Angesichts der unbarmherzigen Witterung ordneten die Behörden weitreichende Maßnahmen an. Tausende von Regierungsangestellten wurden vorzeitig aus dem Dienst entlassen, da das Arbeiten in den provisorischen Holzgebäuden der Ministerien unzumutbar wurde.[2] Lediglich das Innen- und das Marineministerium hielten die regulären Arbeitszeiten ein.[2] Um der Not auf den Straßen zu begegnen, wies die Feuerwehrkommission die Wachen an, am Nachmittag vierzehn Hydranten zu öffnen, damit Kinder in den Wasserstrahlen Abkühlung fanden.[2] Hunderte versammelten sich zudem am Reflexionsbecken des Lincoln-Denkmals.[1] Polizeichef Hesse riet seinen Verkehrsbeamten, nach Möglichkeit im Schatten zu ruhen.[2]

Dennoch forderte das Klima auch in Washington Opfer. Aus den städtischen Krankenhäusern wird vom Tod zweier farbiger Arbeiter, Lewis Rollins und Concil Scott, berichtet, die nach schweren Hitzeschlägen verstarben.[1] Auch aus den benachbarten Bundesstaaten werden tragische Fälle bekannt. In Danville starben zwei Männer, darunter ein Vater von neun Kindern, der an seinem Arbeitsplatz in den Dan-River-Mühlen zusammenbrach.[2] Im McCormick-Observatorium der Universität von Virginia verzeichneten die Meteorologen mit 105 Grad die höchste Temperatur seit der Gründung der Einrichtung im Jahr 1899.[2] In Maryland fielen ebenfalls jahrzehntealte Wetterrekorde: Frederick verzeichnete 105 Grad, während Baltimore mit 102 Grad den heißesten Tag seit 1919 erlebte.[1]

Um der brütenden Luft in den Wohnhäusern zu entkommen, suchten die Hauptstädter abends Zuflucht in den weitläufigen Grünanlagen. Bis tief in die Nacht hinein stauten sich die Automobile im Potomac-Park und im Rock-Creek-Park.[2] Hunderte von Menschen schlugen ihre Betten kurzerhand auf dem Rasen auf, um bei Temperaturen, die im Parkareal zehn bis fünfzehn Grad unter denen der aufgeheizten Innenstadt lagen, Schlaf zu finden.[2]

Eine baldige Besserung ist allerdings in Sicht. Nach Angaben des Meteorologen Mitchell nähert sich eine kühlere Front aus dem kanadischen Nordwesten, die bereits in Wisconsin eine merkliche Abkühlung gebracht hat.[1] Für die kommende Nacht werden heftige Gewitterschauer vorhergesagt, welche die Hitzeperiode endgültig vertreiben sollen.[1]