Der polnische Außenminister Zalewski (August Zaleski) hat am Mittwoch vor dem Auswärtigen Ausschuss des Sejm in einem ausführlichen Exposé die Leitlinien der künftigen Warschauer Außenpolitik dargelegt.[1] Im Mittelpunkt seiner Ausführungen stand die Rolle Polens im Rahmen der Genfer Liga. Nach dem Harburger Tageblatt betonte der Minister, dass die Festigung der Autorität des Völkerbundes das unverrückbare Ziel der polnischen Diplomatie bleibe. Nur durch vielseitige internationale Zusammenarbeit könne der Frieden gesichert werden.[1][2]

Mit wachsender Sorge beobachte man in Warschau die Völkerbundkrise, die durch den angekündigten Austritt Brasiliens sowie durch ähnliche Erwägungen Spaniens ausgelöst worden sei.[2] Um künftige Komplikationen — wie sie noch bei der Märztagung auftraten — zu vermeiden, müsse das Gremium des Völkerbundrates dringend geklärt werden.[1] Zalewski erhob nachdrücklich den Anspruch Polens auf eine ständige Mitarbeit im Rat. Nur unter dieser Voraussetzung könne der Völkerbund seine eigentliche Aufgabe erfüllen.[2] Diese Forderung sei durch die wichtige Rolle des Landes in der europäischen Wirtschaft sowie durch seine geografische und demografische Bedeutung vollständig gerechtfertigt.[1] Unterstützung für diese Ambitionen zeichnet sich offenbar in Südeuropa ab. Das italienische Blatt Impero meldet, Rom beabsichtige, die Frage eines ständigen Ratssitzes für Polen und Spanien auf der kommenden Völkerbundtagung erneut zur Sprache zu bringen.[2] Bemerkenswert ist, dass Italien dem Deutschen Reich inzwischen weitaus weniger ablehnend gegenübersteht, nachdem die Brennerfrage nicht mehr zur Debatte steht und Deutschland seine Stellung als Großmacht wiedererlangt hat.[2]

Den vielfach kursierenden Gerüchten über aggressive Absichten seines Landes trat der Außenminister entschieden entgegen.[1] Polen wolle keinen Fußbreit fremden Bodens erwerben und sei ebenso entschlossen, keinen Teil des eigenen Gebiets aufzugeben. Der Wiederaufbau des Landes erfordere unbedingten Frieden.[1] Als Zeichen der friedlichen Ausrichtung kündigte Zalewski an, dass er im Einvernehmen mit Kriegsminister Pilsudski (Józef Piłsudski) demnächst die polnischen Militärattachés aus dem Ausland abberufen werde.[1] Zudem stellte der Minister klar, dass Polen nicht beabsichtige, Bündnisblöcke gegen irgendwelche Nachbarstaaten zu schmieden.[3]

Ausführlich widmete sich der Minister den Beziehungen zum Deutschen Reich. Die Interessen beider Staaten seien schon durch die geografische Nachbarschaft eng miteinander verknüpft.[1] Die Kölnische Zeitung berichtet, der Minister habe die Erwartung geäußert, dass Deutschland den gemeinsamen Interessen das gleiche Verständnis entgegenbringen werde, zu dem auch Polen bereit sei.[3] Man wünsche eine nachbarschaftliche Zusammenarbeit auf solider Grundlage, die frei von jeglicher Gegnerschaft sein solle und eine rasche Regelung der deutsch-polnischen Wirtschaftsbeziehungen ermögliche.[1] In diesem Zusammenhang bewertete Zalewski auch den deutsch-russischen Berliner Vertrag vom April überraschend wohlwollend. Polen habe keinen Anlass, an den friedlichen Absichten der führenden deutschen und russischen Staatsmänner zu zweifeln.[3] Das Abkommen stelle weder eine Gefährdung des europäischen Friedens dar noch sei es mit den Verpflichtungen Deutschlands gegenüber dem Völkerbund unvereinbar.[1][3]

Den baltischen Staaten und Finnland versicherte der Minister herzliche Sympathie. Polen unterstütze ihre Bestrebungen nach Unabhängigkeit und Selbstständigkeit vollständig.[3] Warschau verfolge zudem mit größter Aufmerksamkeit die Verhandlungen zwischen den Randstaaten und Sowjetrussland, mit dem inzwischen eine deutliche Entspannung eingetreten sei.[1] Auch sei man jederzeit bereit, die Beziehungen zu Litauen wieder auf eine sachliche Basis zu stellen. Zur Kleinen Entente wolle man weiterhin ein freundschaftliches Verhältnis pflegen.[1][3] Ausländischen Krediten, so schloss Zalewski, müsse jedoch stets eine innere wirtschaftliche Gesundung Polens vorausgehen.[3]