Die litauische Presse äußert erhebliche Besorgnis über eine deutliche Zunahme polnischer militärischer Aktivitäten im Bereich der strittigen Grenzzone.[1] Wie die Madrider Zeitung El Sol in einem Bericht aus der lettischen Hauptstadt meldet, richten sich die Befürchtungen in Kaunas vor allem auf massive Truppenbewegungen an der Demarkationslinie.[1] Die Vorbereitungen für diese Grenzverstärkungen werden angeblich von Marschall Pilsudski (Józef Piłsudski) persönlich geleitet.[1] Die ohnehin angespannte Lage zwischen Warschau und Kaunas — beide Staaten unterhalten seit der polnischen Besetzung des Wilnagebietes keine regulären diplomatischen Beziehungen — droht sich durch diese Truppenmassierungen weiter zu verschärfen.

In diese von Unruhe geprägte Atmosphäre treten nun Alarmmeldungen aus der Sowjetunion. Die Moskauer Blätter Iswestija und Prawda berichten, gestützt auf eine amtliche Meldung der Nachrichtenagentur TASS aus Minsk, von gezielten Kriegsvorbereitungen, die vom polnischen Generalstab gegen Litauen getroffen werden.[2] Dem Harburger Tageblatt zufolge sind kürzlich Pfadfinderverbände, die mit französischen Gewehren ausgerüstet sind und unter dem Kommando regulärer polnischer Instruktionsoffiziere stehen, in den grenznahen Ortschaften Linkmenen (Linkmenys) sowie Kaktinen eingetroffen.[2] Diese paramilitärischen Einheiten sollen entlang der gesamten Demarkationslinie verteilt worden sein. Berichten zufolge sollen sie dort den Verkehr stören und eine ständige Bedrohung aufrechterhalten.[2]

Ob diese weitreichenden Vorwürfe in vollem Umfang den Tatsachen entsprechen, lässt sich derzeit schwer abschließend beurteilen. Die Situation gewinnt jedoch durch weitere Einzelheiten aus der Auslandspresse an Brisanz. Aus polnischen Quellen wird berichtet, dass angeblich eine weitreichende Verschwörung gegen Litauen im östlichen Gebiet der Demarkationslinie vorbereitet wird.[2] Nach diesen Berichten beabsichtigen polnische Kreise, einen bewaffneten Aufstand der dort lebenden polnischen Bewohner gegen den litauischen Grenzschutz herbeizuführen.[2] Demzufolge sieht der Plan vor, die Aufständischen anschließend als litauische Schützen auszugeben, die einen Angriff auf das polnisch besetzte Wilna (Vilnius) vortragen sollen.[2] Wie die Berichte hervorheben, soll mit einer derartigen Inszenierung offenbar ein Vorwand geschaffen werden, um sofort offene Kriegshandlungen gegen die Republik Litauen beginnen zu können.[2]