Aus Paris eintreffende Blättermeldungen verbreiten die ungeheuerliche Nachricht, dass die Hinrichtung der beiden italienischen Arbeiter Sacco und Vanzetti bereits am Sonnabend in Boston vollzogen worden sei.[1] Solange eine offizielle Bestätigung ausbleibt, weigert sich der Vorwärts, an diese Tat zu glauben und erhebt stattdessen scharfen Protest gegen einen drohenden Justizmord.[1] Bei den Verurteilten handelt es sich um zwei italienische Syndikalisten. Sie wurden im Zuge von Streikunruhen in Boston unter Mordverdacht verhaftet.[1] Eine tatsächliche Schuld konnte ihnen niemals nachgewiesen werden. Vielmehr stützt sich das Urteil auf vage und künstlich konstruierte Indizien, die ein fanatischer Staatsanwalt trotz zahlreicher Widerlegungen hartnäckig aufrechterhält.[1]

Die letzte Entscheidung über Leben und Tod liegt nun in den Händen des Gouverneurs von Massachusetts, Fuller. Vorausgegangen war die Bestätigung des Schuldspruchs durch die Vorinstanzen.[1] Seit etwa vier Jahren schweben die beiden Männer in quälender Ungewissheit — ein Umstand, der in der europäischen Arbeiterschaft als beispiellose Grausamkeit und als typisches Klassenurteil empfunden wird.[1] Dem Vorwärts zufolge haben sich sowohl die Sozialistische Arbeiterinternationale als auch der Amsterdamer Internationale Gewerkschaftsbund unermüdlich für eine Aufhebung des Fehlurteils eingesetzt.[1] Im Rahmen einer groß angelegten Protestaktion richtete zudem der Präsident des Deutschen Reichstages, Paul Löbe, ein direktes Telegramm an den Gouverneur.[1]

Sollte das Todesurteil tatsächlich vollstreckt werden, droht den Vereinigten Staaten ein schwerer moralischer Schaden.[1] Das einstige Mutterland der Freiheit würde in den Augen von Millionen Europäern jeglichen Anspruch verlieren, weiterhin als Schiedsrichter über Unrecht in anderen Staaten zu urteilen. Dies gilt besonders, da Amerika in diesen Tagen die 150-jährige Wiederkehr seiner Unabhängigkeit feiert.[1] Dass die Empörung alle politischen Lager der Arbeiterschaft erfasst, wird auch daran deutlich, dass die kommunistische Organisation „Rote Hilfe“ am Wochenende eine Protestresolution überbracht hat.[1] Diese Resolution wurde im sozialdemokratischen Parteiorgan ausnahmsweise veröffentlicht, da die Rote Fahne zurzeit verboten ist.[1]