Nach jüngsten Meldungen aus Washington hat der amerikanische Präsident Coolidge den gegenwärtig in der Bretagne weilenden Staatssekretär Mellon wissen lassen, es sei notwendig, dass dieser sich nach Paris begebe, um mit der französischen Regierung direkte Verhandlungen über die drängende Schuldenfrage zu führen.[1] Ferner verlautet, dass die amerikanischen Botschafter in London und Paris in der nächsten Woche nach Washington reisen werden, um mit Coolidge über die Gesamtlage der interalliierten Schulden zu beraten.[1] Die Auffassung des Präsidenten wird in politischen Kreisen unmissverständlich dahingehend gekennzeichnet, dass das bisherige Entgegenkommen der Vereinigten Staaten gegenüber den europäischen Schuldnern bereits das äußerste Maß erreicht habe.[1] Ein weiteres Nachgeben oder gar eine völlige Annullierung der bestehenden Schuldenabkommen beabsichtige das Weiße Haus auf keinen Fall zuzulassen.[1]
In der amerikanischen Öffentlichkeit wird diese unnachgiebige Haltung mit großer Befriedigung aufgenommen.[2] Coolidge betonte im Zusammenhang mit dem französisch-amerikanischen Schuldenproblem nachdrücklich, dass Frankreich, sofern es ernsthaft Sparmaßnahmen durchführen wolle, zunächst zu einer radikalen Herabsetzung seiner Rüstungen schreiten müsse.[2] Nach Ansicht Washingtons müsse eine allgemeine Abrüstung die finanzielle Erholung Europas einleiten.[2] Der Präsident forderte zudem die sofortige Ratifizierung des Washingtoner Schuldenabkommens und ließ warnend durchblicken, dass Amerika zu einem späteren Zeitpunkt sehr viel härtere Bedingungen stellen würde, sollte Paris weiter zögern.[2]
In Paris jedoch verfolgt man eine andere Prioritätensetzung. Ministerpräsident Poincaré erklärte vor dem Finanzausschuss der Kammer, dass an eine Ratifizierung der Schuldenabkommen von Washington und London vor dem nahenden Parlamentsschluss nicht zu denken sei.[2] Wie die Washington Post präzisiert, müsse diese Frage bis zum Wiederzusammentritt der Deputiertenkammer im Oktober ruhen.[3] Poincaré versicherte zwar, Frankreich werde sich im Rahmen seiner Fähigkeiten seiner Verpflichtungen entledigen, doch räumte er dem inländischen Finanzgesetz den Vorrang ein.[4][3] Die Regierung müsse zunächst ermächtigt werden, durch Dekrete Ersparnisse in den Verwaltungen zu erzielen sowie neue indirekte Steuern und eine Amortisationskasse zu schaffen.[2][5] Erst wenn die grundlegende Finanzsanierung erfolgreich durchgeführt sei, könne an eine Währungsstabilisierung und an die Lösung der äußeren Schuldenlast gedacht werden.[2]
Diese Verzögerungstaktik ruft nicht nur in Übersee, sondern auch in Großbritannien spürbaren Unmut hervor. Dem diplomatischen Korrespondenten des Daily Telegraph zufolge hat die französische Regierungserklärung in britischen Finanzkreisen keinen allzu günstigen Eindruck hinterlassen.[2] Die Sachverständigen an der Themse hätten eine weitaus präzisere und raschere Stabilisierungspolitik begrüßt.[2] Dass die Ratifikation des englisch-französischen Schuldenabkommens offensichtlich auf die lange Bank geschoben wird, bedauert man in London sehr.[2] Einige Beobachter folgern daraus, dass Frankreich den Gedanken an auswärtige Kredite vorerst aufgegeben habe. In unterrichteten Kreisen wird jedoch angedeutet, dass man in Paris offenbar weiterhin auf britische Gelder hofft — und dies paradoxerweise auch ohne eine vorherige Ratifikation des Schuldenabkommens.[2]
Derweil wird in Berlin durch eine vorläufig noch ungeklärte Indiskretion Londoner Blätter ein weitreichender neuer europäischer Konferenzplan bekannt.[2] In der Öffentlichkeit ist von dem Vorhaben die Rede, im Dezember dieses Jahres eine kleine internationale Schuldenkonferenz einzuberufen, an der neben England, Amerika, Frankreich, Belgien und Italien auch Deutschland beteiligt sein soll.[2] Ziel dieser Zusammenkunft wäre eine gemeinsame Revision des Dawesplanes sowie der bestehenden Schuldenabkommen.[2] Die beteiligten Regierungen haben bereits seit der Unterzeichnung der Verträge von Locarno über ein derartiges Projekt verhandelt.[2] Der eigentliche Zweck bestünde in einer internationalen Amortisierung aller europäischen Kriegsschulden, um eine allmähliche finanzielle Gesundung des Kontinents zu ermöglichen.[2] Während man zunächst hoffte, Amerika für eine solche Konferenz in Brüssel gewinnen zu können, zeigt sich nun, wie außerordentlich schwer es ist, Washington an diesen Erörterungen zu beteiligen.[2] Dass die Londoner Presse gerade in dem Moment Einzelheiten ausplaudert, in dem der amerikanische Schatzsekretär Mellon europäischen Boden betreten hat, verleiht den Enthüllungen besondere politische Brisanz, zumal alle interessierten Kreise bislang bemüht waren, über diese Pläne strenges Stillschweigen zu bewahren.[2]
Vor dem Hintergrund dieser sich verschärfenden internationalen Debatte gewinnt die grundsätzliche Untersuchung der Kriegsschuldfrage in der deutschen Öffentlichkeit neue Aktualität. Wie die Sächsische Staatszeitung berichtet, hat der amerikanische Universitätsprofessor Harry Elmer Barnes in München vor akademischem Publikum mit Nachdruck für eine internationale Konferenz zur Klärung der Schuldfrage plädiert.[2] Barnes wies darauf hin, dass der Dawesplan darauf abziele, die einer Nation auferlegte Bürde zu mindern, die nach Ansicht unbefangener Beobachter als nicht ursächlich für den Ausbruch des Konflikts gelte.[2] Er forderte die Öffnung aller Geheimarchive und vertrat die Auffassung, eine moralische Reinigung Deutschlands würde die Reparationsfrage in ein neues Licht stellen.[2] Solche Äußerungen nähren innerhalb Deutschlands die Hoffnung, dass eine künftige Schuldenkonferenz nicht nur finanzielle, sondern auch historische Konsequenzen haben könnte.