In einer umfassenden Rede vor dem Senat hat der polnische Ministerpräsident Kazimierz Bartel die friedliche Ausrichtung der Warschauer Außenpolitik bekräftigt.[1] Nach Angaben des Harburger Tageblatts betonte der Regierungschef, niemand dürfe Polen Absichten unterstellen, die sich „gegen einen Frieden richteten, der der Grundforderung der Unverletzlichkeit der Sicherung und Autorität des polnischen Staates entspreche“.[1] Ein besonderes Augenmerk richtete Bartel auf das Verhältnis zu Frankreich. Er äußerte sich erfreut über die jüngste Regierungsbildung in Paris und verwies auf das enge Bündnis sowie die traditionelle Freundschaft beider Staaten.[1] Führende Namen wie Poincaré, Briand und Herriot seien eng mit der polnisch-französischen Zusammenarbeit verbunden. Daher vertraue man in Warschau darauf, dass die französische Politik unverändert bleibe.[1]
Ein wesentlicher Teil der Ausführungen war der wirtschaftlichen Lage des Landes gewidmet. Wie die norddeutsche Zeitung weiter ausführt, bezifferte Bartel die polnische Gesamtproduktion für das Jahr 1924 auf etwa 14 Milliarden Gold-Zloty. Das lag nur knapp eine Milliarde unter dem Vorkriegsniveau von 1913.[1] Davon entfielen 8,9 Milliarden auf Landwirtschaft und Viehzucht, 3,8 Milliarden auf die Industrie sowie rund eine Milliarde auf den Bergbau.[1] Trotz dieser Zahlen räumte der Ministerpräsident ein, dass Polen ein armes Land sei und wirtschaftlich lediglich den 18. Platz in Europa einnehme — noch hinter der Tschechoslowakei oder Österreich.[1] Der Außenhandel zeige sich jedoch günstig; so sei die Handelsbilanz nur gegenüber den Vereinigten Staaten, Italien und Frankreich passiv.[1] Im Verkehr mit Deutschland bestehe hingegen ein Überschuss von 19,5 Millionen Zloty.[1] Er kündigte an, die internationalen Handelsbeziehungen mit größter Vorsicht zu regeln, wobei jedes Zugeständnis sorgfältig abgewogen werden müsse.[1] Der britische Kohlenstreik habe der heimischen Produktion zuletzt eine merkliche Belebung verschafft.[1]
Hinsichtlich der territorialen Berührungspunkte im Norden zeichnete der Redner ein optimistisches Bild. Laut der Badischen Presse hob Bartel die Beziehungen zur Freien Stadt Danzig hervor. Dort sei eine spürbare Besserung eingetreten.[2] Die Tradition eines fünfhundertjährigen wirtschaftlichen Zusammenlebens lasse den Schluss zu, dass sich die Lage zum gegenseitigen Nutzen entwickeln werde.[2] Man gewinne zudem den Eindruck, dass in Danzig das Verständnis für die Unveränderlichkeit der gegenwärtigen Situation wachse.[2] Die polnische Regierung, so ergänzt das Harburger Tageblatt, sei ausdrücklich gewillt, an der finanziellen Sanierung Danzigs mitzuwirken und die polnische Ausfuhr nach Möglichkeit über den dortigen Hafen abzuwickeln.[1] Bartel schloss seine Erklärungen mit der Überzeugung, bei der Freien Stadt auf guten Willen und wachsendes Verständnis für die gemeinsamen Interessen zu stoßen.[1][2]