Die Hauptstadt und das gesamte Land stehen im Zeichen eines beispiellosen religiös-politischen Konflikts. Heute tritt der von der katholischen Geistlichkeit proklamierte Kirchenstreik in Kraft, der als direkte Antwort auf die strikte Durchsetzung der neuen staatlichen Religionsverordnungen durch Präsident Plutarco ElÃas Calles gedacht ist. Wie das Hamburger Echo berichtet, hat die Regierung weitreichende Vorkehrungen getroffen und Truppen sowie starke Polizeikräfte an alle strategischen Punkte des Landes entsandt, um die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung zu erzwingen.[1] Den Berichten des Nieuwe Rotterdamsche Courant zufolge handelt es sich um zwölf derartige militärische Zentren. Von diesen aus soll die öffentliche Sicherheit im gesamten Land gewährleistet werden.[2] Die gewaltige Kathedrale von Mexiko-Stadt — das symbolische Zentrum des mexikanischen Katholizismus — ist bereits vollständig von schwer bewaffneten Polizeieinheiten umstellt.[1][2]
Der Übergang der Kirchengüter in staatliche Hände verläuft keineswegs friedlich. Bereits in den vergangenen Stunden kam es bei der behördlichen Räumung von Gotteshäusern zu schweren Zwischenfällen. Laut dem Hamburger Echo wurden die mit der Übernahme betrauten Beamten vielerorts von wütenden Bürgern mit Steinen beworfen.[1] Der Hauptzusammenstoß ereignete sich in der Hauptstadt selbst. Zahlreiche Gläubige weigerten sich, eine Kirche zu verlassen. Die Polizei sah sich gezwungen, von der Schusswaffe Gebrauch zu machen und die Menge durch den massiven Einsatz von Wasserschläuchen auseinanderzutreiben.[1]
Während auf den Straßen erste blutige Auseinandersetzungen ausgetragen werden, trifft die staatliche Repression auch die oberste Kirchenhierarchie mit voller Härte. Nach Angaben des Nieuwe Rotterdamsche Courant hat die Regierung am Samstag die formelle Deportation des päpstlichen Nuntius, Monsignore Tito Crespi, angeordnet.[2] Das Vatikansekretariat in Rom sei ferner darüber informiert worden, dass der Sekretär der apostolischen Legation in Mexiko festgenommen und unter strenger Bewachung an die Grenze eskortiert worden ist.[2] Parallel dazu wurde gegen mehrere Bischöfe des Landes offiziell Anklage erhoben, wie die Badische Presse meldet.[3]
Die Wurzeln dieses erbitterten Streits reichen tief in die mexikanische Verfassungsgeschichte. Wie die Los Angeles Times aus diplomatischen Kreisen erfährt, betrachtet die Regierung in Mexiko-Stadt die aktuellen Vorgänge lediglich als Fortsetzung einer säkularen Reformbewegung, die bereits auf der Verfassung von 1857 und dem Artikel 130 der Konstitution von 1917 fußt.[4] Die staatlichen Behörden erklären daher, dass es sich nicht um eine willkürliche Verfolgung handelt, sondern um die Durchsetzung geltenden Rechts gegenüber einer Geistlichkeit, die den rechtmäßigen Institutionen den Gehorsam verweigert.[4]
Die aufgeheizte Atmosphäre gipfelte in der Nacht zum Sonntag in der Aufdeckung eines handfesten Mordkomplotts gegen den Staatspräsidenten. Wie die Los Angeles Times in einer Exklusivmeldung darlegt, entdeckten Regierungsagenten einen Plan, Präsident Calles als Rache für die Verkündung der antichristlichen Religionsgesetze zu ermorden.[4] Bemerkenswert ist die Zusammensetzung der Verschwörergruppe. Die Polizei nahm sechs Frauen und drei Männer fest; als Anführerin wurde die achtzehnjährige Stenotypistin Dolores Lemus identifiziert.[4] Die Washington Post ergänzt hierzu, dass unter den Verhafteten auch Offiziere aus dem persönlichen Stab des Präsidenten sind.[5] Entdeckt wurde das Komplott infolge polizeilicher Ermittlungen gegen Angestellte der Stadtverwaltung, die offen gegen die Religionspolitik der Regierung aufgetreten waren.[5]
Auf wirtschaftlicher Ebene beginnt derweil ein landesweiter Boykott, der von der Liga zur Verteidigung der religiösen Freiheit organisiert wird. Gemäß den Anweisungen, über die die Badische Presse informiert, sind die Gläubigen angehalten, künftig nur die notwendigsten Bedarfsartikel zu kaufen, Steuerzahlungen an den Staat einzustellen und ihre Kinder nicht mehr in die öffentlichen Schulen zu schicken.[3] Dieser Boykott macht sich bisher im Alltag der Hauptstadt noch nicht in vollem Ausmaß bemerkbar. Dem Bericht der Washington Post zufolge verlief das Geschäftsleben im Zentrum von Mexiko-Stadt am Wochenende noch wie gewohnt.[5]
Dennoch formiert sich auf der Gegenseite starker Widerstand gegen die kirchlichen Maßnahmen. Das Hamburger Echo meldet, dass eine Delegation der Gewerkschaften dem Präsidenten ihre Unterstützung bei der Umsetzung des Religionserlasses zugesichert hat.[1] Die Arbeiterschaft plante, am Sonntag jeden Verkehr einzustellen, um eine machtvolle Demonstration gegen den Klerus durchzuführen.[1] Am morgigen Montag soll laut der Washington Post zudem eine Parade stattfinden, an der schätzungsweise 500.000 Arbeiter teilnehmen werden, um die entschlossene Haltung der Regierung zu unterstreichen.[5]
Trotz der staatlichen Eingriffe und der Gefahr weiterer Zusammenstöße bemühen sich die obersten Würdenträger der Kirche, mäßigend auf die Bevölkerung einzuwirken. Ein Pastoralbrief, der von acht Erzbischöfen und neunundzwanzig Bischöfen Mexikos unterzeichnet wurde, fordert die Katholiken auf, Ruhe zu bewahren und ihre Andachten gewaltfrei fortzusetzen.[5] Die Priester haben am heutigen Tag, wie im Pastoralbrief angekündigt, aus Protest die Kirchen verlassen.[5] Die Gotteshäuser sind dennoch — wenn auch ohne amtierende Geistlichkeit — mit Tausenden von Betenden gefüllt.[5]
Die Ruhe dieses Sonntags steht in scharfem Kontrast zu den unruhigen Szenen der vergangenen vierzehn Tage. Aus Berichten der Washington Post geht hervor, dass sich in den letzten Wochen viele verängstigte Gläubige um die Kirchen und Schreine drängten, um ihre Kinder noch hastig taufen oder firmen zu lassen und Trauungen durchzuführen, bevor die Priester ihre Ämter niederlegten.[5] Der Weg zum berühmten Schrein von Guadalupe, der noch gestern von Tausenden barfüßigen Pilgern und dichten Menschenmengen — meist indigenen Ursprungs — bevölkert war, ist heute nahezu verwaist.[5]
Auffallend ist, dass das Vorgehen der mexikanischen Regierung auch jenseits der Grenzen auf breite Resonanz stößt und eine konfessionelle Solidarisierung hervorruft. Laut der Los Angeles Times hat ein nationales Publikationsorgan der episkopalen Kirche in den Vereinigten Staaten alle amerikanischen Protestanten aufgerufen, am heutigen Tag gemeinsam mit den Katholiken für die „verfolgte Kirche in Mexiko“ zu beten.[4] Die amerikanisch-protestantische Zeitschrift warnte davor, dass die Unterdrückung öffentlicher Gottesdienste in Mexiko zu ähnlichen staatlichen Maßnahmen andernorts führen könnte.[4] In den nördlichen Grenzregionen wie Mexicali blieb die Lage am Sonntag ruhig, da die lokalen Behörden vorsorglich die Schließung der Gotteshäuser angeordnet hatten, um gewaltsame Zusammenstöße zwischen katholischen Sympathisanten und staatlichen Einsatzkräften zu verhindern.[4]