In der diplomatischen Diskussion um den niederländisch-belgischen Vertrag zeichnet sich eine neue Argumentationslinie ab. Wie der Nieuwe Rotterdamsche Courant aus Brüssel meldet, stand die vieldiskutierte Scheldefrage in der vergangenen Woche im Mittelpunkt einer Rede des belgischen Außenministers Vandervelde vor dem Senat.[1] Im Kern geht es bei diesem Streitpunkt um das sicherheitspolitisch heikle Problem der Durchfahrt von Kriegsschiffen auf der Schelde.[1] Nach Ansicht des Ministers wird diese Schwierigkeit in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle bereits dadurch praktisch gelöst, dass sowohl die Niederlande als auch Belgien Mitglieder des Völkerbundes sind.[1]
Auf diese Erklärungen geht die liberale Zeitung Indépendance belge in einem Leitartikel näher ein.[1] Das Blatt räumt ein, dass der Völkerbund bislang keine eindeutige und sichere Prozedur zur Definition eines „Angreifers“ durch den Völkerbundrat in Genf verabschiedet habe.[1] Auch die Formel, wonach jener als Angreifer gelte, der ein Schiedsverfahren schlichtweg ablehne, sei in Genf noch nicht einstimmig angenommen worden.[1] Dennoch betont die Brüsseler Zeitung, dass Belgien niemals Handlungen begehen werde, die es zuließen, den belgischen Staat als angreifende Partei zu betrachten.[1] Unter dieser festen Voraussetzung, so das Blatt weiter, seien die Bemerkungen Vanderveldes zutreffend.[1]
Sobald die Autorität der Genfer Liga gestärkt ist und die Verpflichtungen des Paktes tatsächliche Bindungskraft entfalten, erhält das Scheldeproblem hinsichtlich der Durchfahrt in Kriegszeiten ein verändertes Gesicht.[1] In belgischen politischen Kreisen blickt man nun gespannt auf das Nachbarland. Wie der Nieuwe Rotterdamsche Courant abschließend bemerkt, werden die niederländischen Kommentare zu dieser neuen Interpretation der Senatsrede zweifellos mit großem Interesse erwartet.[1]