Vor dem Unabhängigkeitsgericht in Angora (Ankara) vollzieht sich derzeit ein bemerkenswerter politischer Prozess gegen die einstigen Machthaber des Osmanischen Reiches.[1] Angeklagt sind führende Mitglieder der alten jungtürkischen Partei „Einheit und Fortschritt“ (Unionisten). Ihnen wird nicht nur eine Verschwörung gegen den Staatspräsidenten Mustafa Kemal zur Last gelegt, sondern auch die unlautere Herbeiführung des Weltkrieges.[1] Wie der Vorwärts berichtet, hat der Staatsanwalt für 19 Hauptangeklagte lebenslängliche Haft gefordert. Zu den Angeklagten zählen der frühere Finanzminister Djavid Bey, der einstige Oberpräsident von Smyrna, Rahmi Bey, sowie der bekannte Publizist Hussein Djahid.[1] Für dreißig weitere Angeklagte, unter ihnen der ehemalige Außenminister Ahmed Nessimi Bey, wurden zeitlich begrenzte Freiheitsstrafen beantragt.[1]

Neue Details über den Zusammenbruch des alten Regimes gehen aus der Anklageschrift hervor, aus der die Deutsche Allgemeine Zeitung zitiert.[2] Demnach löste sich das Zentralkomitee nach dem Krieg auf Drängen von Kara Kemal auf, der inzwischen durch Selbstmord ums Leben gekommen ist. Dadurch sollten die Kräfte der Partei für eine spätere Wiederauferstehung geschont werden.[2] Die Triumvirn Enver, Talaat und Djemal Pascha ergriffen daraufhin die Flucht. Enver entkam auf einem deutschen Torpedoboot in den Kaukasus; andere Führer reisten über Sewastopol nach Berlin.[2] Der Ankläger warf den Flüchtigen vor, das Volk willkürlich in den Krieg getrieben zu haben, um anschließend aus dem Ausland eine neue Organisation aufzubauen.[1] Enver Pascha versuchte, gestützt auf aserbaidschanische Kräfte, in Kars eine Regierung zu bilden. Später gründete er in Baku die „Union der islamischen Komitees“.[1][2] Diese Umtriebe endeten erst mit seinem Tod in den Steppen Turkestans.[2]

Breite Beachtung findet die Rolle des Angeklagten Kutschuk Talaat Bey. Laut einem Bericht des Pariser Temps sagte er ausführlich über die innerparteilichen Vorgänge aus.[3] Kutschuk Talaat hob hervor, dass Enver und der große Talaat Pascha die Verhandlungen mit Deutschland und Österreich eigenmächtig führten.[2] Der Vorsitzende des Tribunals fasste die Schuldfrage am Ende dahingehend zusammen, dass nicht der verfassungsmäßige Weg beschritten wurde. Stattdessen hätten zwei oder drei unkontrollierte Personen ein Spiel mit der Nation getrieben und sie beinahe vernichtet.[2]