Die Reichsregierung hat ihren diplomatischen Bemühungen um eine grundlegende Reform der Rheinlandbesatzung durch die Ausarbeitung und Übergabe detaillierter Denkschriften neuen Nachdruck verliehen.[1] Im Mittelpunkt der Forderungen, die unmittelbar vor dem Eintritt Deutschlands in den Völkerbund in eine entscheidende Phase treten dürften, steht die erhebliche Verminderung der alliierten Truppen sowie eine weitreichende Umgestaltung des gesamten militärischen Regimes im besetzten Gebiet.[2]
Wie das Berliner Tageblatt in seiner neuesten Ausgabe meldet, erwartet die deutsche Diplomatie eine rasche Reduzierung der Rheinarmeen um mindestens 35.000 bis zu 50.000 Mann.[1] Damit drängen die deutschen Vertreter auch auf eine sogenannte unsichtbare Besetzung.[2] Diese Formulierung bedeutet, dass die alliierten Truppenverbände nicht länger über das ganze Land verteilt bleiben, sondern künftig in wenigen großen Zentren zusammengezogen werden sollen.[1] Der deutsche Botschafter Leopold von Hoesch hat diese Wünsche bereits vor Kurzem dem französischen Außenminister Aristide Briand in Paris formell unterbreitet.[1] Inzwischen sind Abschriften des Memorandums auch den deutschen diplomatischen Vertretungen in London, Rom, Brüssel und Washington zugegangen.[1] Sie gelten als verbindliche Richtlinien, sobald die Verhandlungen mit den Regierungen der früheren Ententemächte auf breiter Ebene wieder aufgenommen werden.[1]
Parallel zu diesen internationalen Schritten bemüht sich der Reichskommissar für die besetzten Gebiete, Freiherr Langwerth von Simmern, um konkrete Erleichterungen vor Ort.[2] Er führt fortlaufend direkte Verhandlungen mit der Interalliierten Rheinlandkommission in Koblenz, bei der er als deutscher Delegierter tätig ist, und hat dort die Berliner Vorschläge ausführlich dargelegt.[1] Dem Westfälischen Merkur zufolge betonte der Reichskommissar, dass die Beseitigung des bisherigen Delegiertensystems im Rheinland zwar eine gewisse Entspannung bewirkt habe, hinsichtlich der alltäglichen Auswüchse des Besatzungsregimes aber noch zahlreiche dringende Wünsche unerfüllt geblieben seien.[2]
Seit dem Erlass der sogenannten Ordonnanz 308 wird in Koblenz monatelang debattiert, ohne dass die den Deutschen fest zugesagte Besatzungsreform zustande gekommen ist.[2] Diese Verzögerung ist den Berichten zufolge insbesondere auf die Arbeitsweise der Interalliierten Rheinlandkommission zurückzuführen, deren Vertreter sich im Wesentlichen auf die juristische Prüfung der Texte beschränkten.[2] Zwar war der deutschen Seite zugesagt worden, dass Vertreter der Reichsregierung vor dem Erlass neuer Ordonnanzen stets gehört werden sollen. Berlin hat seine Hauptforderungen bereits in einer eigenen Denkschrift formuliert.[2] Die Durchsicht dieser Vorlagen durch die zuständigen Instanzen verzögerte sich jedoch immer wieder.[2]
In informierten Kreisen wird erwartet, dass die Interalliierte Rheinlandkommission ihr geplantes Reformwerk nun in absehbarer Zeit — voraussichtlich kurz nach der Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund — abschließen und vorlegen wird.[2] Die entscheidenden Stellen in Berlin betonen, dass eine Truppenverminderung allein nicht genügt, sondern dass zugleich auch die mehrfach zugesagte grundlegende Änderung des Besatzungsregimes durchgeführt werden müsse.[2][1] Unabhängig davon werden die deutschen Vertreter ihre Forderungen auch auf den bevorstehenden Konferenzen in Genf mit Nachdruck vorbringen.[2]