Die französische Regierung bereitet einen harten Schlag gegen die elsässisch-lothringische Heimatbewegung vor. Wie die Kölnische Zeitung berichtet, hat Justizminister Barthou dem Parlament den Entwurf für ein neues Ausnahmegesetz vorgelegt, das in seiner Schärfe an längst vergangen geglaubte Diktaturparagrafen erinnert.[1] Der Vorstoß geht dabei nicht direkt von Ministerpräsident Poincaré aus, sondern stammt aus dem Justizressort. Die juristischen Vorarbeiten wurden angeblich noch unter dem vorherigen Minister Laval begonnen.[1]
Das geplante Gesetz richtet sich unmissverständlich gegen jede separatistische Bestrebung. Der erste Artikel sieht vor, dass jeder Akt der Propaganda, der darauf abzielt, einen Teil des französischen Staatsgebietes der nationalen Regierung zu entziehen, mit Gefängnis von einem bis zu fünf Jahren sowie Geldstrafen zwischen 100 und 5000 Franken bestraft wird.[1] Außerdem droht den Verurteilten der Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte und ein Aufenthaltsverbot, was faktisch einer Ausweisung entspricht.[1] Diese Maßnahmen sollen die Heimatbewegung, die sich gegen die zentralistische Assimilierungspolitik zur Wehr setzt, unterbinden.[1] Beobachter kritisieren, dass diese Strafen — verbunden mit der Entlassung aus dem Dienst — einen Mann für den Rest seines Lebens materiell zugrunde richten können.[1] Disziplinarverfahren gegen Beamte hatten bereits in jüngster Zeit Aufsehen erregt, so etwa der Prozess gegen den Lehrer und Heimatbündler Rosse, der kürzlich in Kolmar verhandelt wurde.[1] Dort bezeichnete der Abgeordnete und Universitätsprofessor Müller als Zeuge den Aufruf des Heimatbundes als den legitimen Ausdruck einer geopferten Generation und erinnerte an jenen „herrlichen Willen“, den Frankreich einst im Elsass vorgefunden habe.[1]
Der politische Konflikt entfacht sich indes nicht nur an Verwaltungsfragen, sondern greift auch auf das Schulwesen über. Laut dem Pariser Temps fordert ein nationaler Kongress mit Nachdruck die Verweltlichung der Schule als Konsequenz der republikanischen Ordnung.[2] Es wird davor gewarnt, den Bürgern von Elsass-Lothringen weiterhin ein klerikales Erziehungssystem zu belassen, das dem Geist der Republik widerspreche.[2]
Die Gegensätze innerhalb des Elsass treten immer offener zutage. Während die Heimatbündler den Erhalt ihrer kulturellen Eigenart anstreben, verlangen frankophile Kreise die vollständige Verschmelzung. Dem Figaro zufolge nutzte der Straßburger Bürgermeister Peirote ein Bankett im Vorfeld der Kongresssitzung, um eine klare Forderung an Paris zu richten.[3] In seiner Ansprache erklärte er unter dem Beifall der Delegierten: „Kein Ausnahmeregime mehr. Wir wollen ein integraler Bestandteil der Französischen Republik sein.“[3] Die kommenden Wochen werden zeigen, ob das geplante Gesetz die von Peirote geforderte Einheit herbeiführen kann oder den kulturellen Gegensatz vertieft.