Die südchinesische Metropole Kanton wird seit Tagen von schweren Arbeiterunruhen und Straßenkämpfen zwischen rivalisierenden Gewerkschaften erschüttert. Diese Ereignisse haben nun ein entschlossenes Eingreifen der militärischen Führung notwendig gemacht. Dem Hong Kong Telegraph zufolge versuchen sogenannte Antikommunisten, die Arbeiterschaft und das Freiwilligenkorps der Kaufleute in den Bezirken für sich zu gewinnen.[1] Ihr Ziel sei es, nicht nur die Arbeiterkonferenz und die Kommunistische Partei, sondern auch die amtierende Regierung zu stürzen.[1]
Mit Blick auf die zunehmend unruhige Lage hat der Oberbefehlshaber der Nationalrevolutionären Armee, General Tschangkaischek (Chiang Kai-shek), bereits am 7. dieses Monats strenge Verordnungen erlassen.[1][2] Wie die China Mail berichtet, informierte das Amt für öffentliche Sicherheit den General darüber, dass die Polizei nicht mehr in der Lage sei, die Gewaltausbrüche unter den Arbeitern einzudämmen.[2] Es habe wiederholt Angriffe auf Polizeibeamte und Gefährdungen unbeteiligter Passanten gegeben.[2]
Laut einer offiziellen Bekanntmachung erklärte Tschangkaischek, die Kämpfe der Arbeiter untereinander würden den öffentlichen Frieden zerstören.[2] Er betrachte diese Unruhen als ernste Bedrohung für die laufenden militärischen Operationen, insbesondere den kürzlich begonnenen Vorstoß der Südarmee.[2] Um den Ausschreitungen ein Ende zu setzen, hat der General den Kommandeur der Gendarmerie von Kanton sowie den Leiter des Sicherheitsamtes angewiesen, energische Maßnahmen zu ergreifen.[2] Berichten der China Mail zufolge sollen bewaffnete Truppen und Polizeieinheiten verhindern, dass Personen mit Waffen durch die Stadt ziehen. Beschlagnahmte Waffen und Ausrüstungsgegenstände werden konfisziert.[2]
Dass dieses entschlossene Vorgehen der Militärführung bereits Wirkung zeigt, verdeutlicht ein Vorfall vom vergangenen Mittwoch. Ein drohender Arbeiteraufstand wurde im Keim erstickt, nachdem die Behörden rasch Verstärkung entsandt hatten.[2] Etwa zweihundert Angehörige der Ölarbeitergilde, die unterwegs zur Arbeit waren, gerieten mit rivalisierenden Gruppen aneinander.[2] Bewaffnete Polizisten verhinderten eine Ausweitung der Kämpfe, trennten die feindlichen Lager und beschlagnahmten primitive Waffen, vor allem Bambusstangen.[2]
Die Unruhen in den Gemüsedepots der Stadt konnten bislang jedoch nicht beigelegt werden.[2] In anderen Wirtschaftszweigen ist hingegen eine Beruhigung zu beobachten: Die Seidenhändler, die ihre Betriebe aus Angst vor Übergriffen geschlossen hatten, beabsichtigen ihre Türen wieder zu öffnen, nachdem ihnen Schutz durch die Behörden zugesichert wurde.[2] Die zunehmenden Spannungen in Kanton verdeutlichen den Ernst der innerchinesischen Machtkämpfe im Vorfeld weiterer militärischer Unternehmungen.