In den europäischen Hauptstädten mehren sich die Anzeichen für ein diplomatisches Ringen um das deutsch-belgische Grenzgebiet. Die Verhandlungen zwischen der Reichsregierung und dem Brüsseler Kabinett Jaspar über eine mögliche Rückgabe von Eupen und Malmedy haben insbesondere in Paris erhebliche Unruhe ausgelöst.[1][2]

Die amerikanische Washington Post berichtet von Verhandlungen über eine Rückzession der beiden Städte gegen eine Entschädigung von 1,5 Milliarden Francs, was etwa 40 Millionen Dollar entspreche.[1] Als Teil dieses Abkommens sollen deutsche Banken offenbar eine große Schuldverschreibung Belgiens gegenüber den Niederlanden übernehmen.[1] Auch der Nieuwe Rotterdamsche Courant bestätigt, dass die deutsche Unterstützung für die belgische Währung in den andauernden Gesprächen eine bedeutende Rolle spielt.[3] Die Reichsregierung beabsichtige zudem, die auswärtige Politik sowie diese Verhandlungen voraussichtlich am 26. oder 27. August im Auswärtigen Ausschuss des Reichstages zu erörtern.[3]

In der Auslandpresse kursieren darüber hinaus noch weitergehende Gerüchte. Nach Angaben des Harburger Tageblatts, das sich auf eine Meldung des Newyorker Korrespondenten O. D. Tolischus beruft, sei angeblich bereits ein Vertrag unterzeichnet worden, wonach Deutschland 75 Millionen Dollar zahle.[4] Diese Aktion, die von der amerikanischen Presse als 'Markdiplomatie' bezeichnet wird, stelle nach Einschätzung der Pressestimmen einen ersten Bruch mit dem Friedensvertrag von Versailles dar.[4]

In französischen Regierungskreisen herrscht nach übereinstimmenden Meldungen größte Sorge. Man betrachtet die Situation als außerordentlich ernst und bewertet den Vorstoß als direkten Bruch der Locarno-Verträge, die die Westgrenzen unantastbar machen.[1] Die Badische Presse zitiert dazu den Pariser Korrespondenten der Morning Post, wonach die deutsche Initiative in London und Paris einen höchst bedenklichen Eindruck hinterlassen habe.[2] Es wird vertreten, dass eine solche Veränderung der Landkarte im Westen das gesamte Vertragswerk von Locarno grundlegend in Frage stellen würde.[2] Ferner wird der Vorwurf erhoben, es handele sich um den Versuch, den Versailler Vertrag durch finanzielle Bestechung zu umgehen.[2]

In französischen Kreisen wird zudem befürchtet, dass eine Änderung der deutsch-belgischen Grenze unweigerlich eine anti-französische Propaganda in Lothringen und im Saargebiet zur Folge hätte.[2] Obgleich frühere deutsche Angebote finanzieller Hilfe in Paris stets abgewiesen worden seien, sorgt man sich dort nun, dass die belgische Regierung in jüngster Zeit nachgiebiger geworden sein könnte.[2] Es bleibt jedoch abzuwarten, ob die französischen Vorhaltungen in Brüssel Wirkung zeigen. Wie die Badische Presse weiter ausführt, ist nicht zwingend anzunehmen, dass die Demarchen aus Paris auf das belgische Kabinett einen großen Eindruck machen werden, da das französisch-belgische Bündnis durch die Abkommen von Locarno an Bedeutung verloren hat.[2]