Wie aus Madrid gemeldet wird, hat General Primo de Rivera unmissverständlich erklärt, dass Spanien die Einbeziehung Tangers in seine marokkanische Protektionszone verlange.[1] In Verlautbarungen, welche die offiziöse Madrider Nacion veröffentlicht, betont der General, dass Spanien bald schwere internationale Verwicklungen erwarte, falls Tanger dem Land nicht einverleibt werde.[2] Zwar sei Spanien eine im Wesentlichen friedliche Macht, doch müsse man sich in Madrid ernsthaft überlegen, ob man weiterhin jährlich Millionen von Peseten zahlen wolle.[2][1] Nach den Worten Primo de Riveras würde Tanger in den Händen der Spanier „eine Garantie für den Weltfrieden bedeuten“. Der General erklärte ferner, dass die Stadt derzeit ein internationales Zentrum für Verschwörungen und für die Unterstützung von Aufständischen bilde.[1] Auch aus höchsten Regierungskreisen werden entsprechende Warnungen vor bedeutenden Erschütterungen im Falle einer Ablehnung der spanischen Wünsche bekannt.[3]
In London und Paris stößt der Vorstoß jedoch auf geschlossenen Widerstand. Wie die Daily News berichtet, hat die spanische Forderung in diplomatischen Kreisen erhebliches Aufsehen erregt; insbesondere, da Großbritannien und Frankreich endgültig gegen den Vorschlag eingestellt seien.[1] Nach Angaben des diplomatischen Berichterstatters des Daily Telegraph ist das Madrider Ansinnen keineswegs neu. Bereits seit Monaten sei es auf diplomatischem Wege vorbereitet worden.[1] Dass die Forderung ausgerechnet am Vorabend des Kampfes um die ständigen Sitze im Völkerbundrat erneuert wird, ruft ernste Besorgnis hervor.[1] Offenbar versucht die spanische Diplomatie, die Frage eines ständigen Ratssitzes für Spanien geschickt mit dem Tangerproblem zu verknüpfen, um zumindest in einer der beiden Angelegenheiten ein Entgegenkommen zu erreichen.[1]
Unterdessen weitet sich die Krise zu einem generellen Mittelmeerproblem aus. In Rom deuten Blätter wie der Messagero an, dass der jüngst abgeschlossene italienisch-spanische Vertrag Abmachungen über das Gebiet von Tanger enthalte.[4] Da die Angelegenheit nunmehr ein durch und durch internationales Problem sei, müsse Italien zwingend an den bevorstehenden Verhandlungen zur Revision des Statuts teilnehmen.[4] Die Lage vor Ort in Nordafrika präsentiert sich derweil ebenfalls angespannt. Nach Meldungen der Zeitung El Debate hat eine Abordnung streikender Arbeiter in Tanger weitreichende Abänderungen des bestehenden Tangerstatuts verlangt.[3]