Vor dem Unabhängigkeitstribunal verantwortet sich derzeit einer der prominentesten Angeklagten der jüngeren türkischen Geschichte: der ehemalige Finanzminister Djavid Bey.[1] Er fungiert gegenwärtig als türkischer Delegierter bei der Verwaltung der osmanischen Staatsschuld und hatte noch am Vorabend des Weltkrieges in Paris eine Anleihe von 500 Millionen Franken für seine Regierung ausgehandelt.[1]

Wie der Pariser Temps aus Konstantinopel berichtet, wirft die Anklage Djavid Bey vor, wiederholt eine Gruppe bekannter Unionisten in seinem Haus empfangen zu haben, um das kemalistische Regime zu bekämpfen und zu stürzen.[1] Der Angeklagte räumte ein, dass sich im Frühjahr 1923 etwa fünfzehn seiner Kameraden von der Partei „Einheit und Fortschritt“ in seinem Haus in Schischli versammelt hätten.[1] Dies geschah, nachdem der frühere Verpflegungsminister Kara Kemal in Ismid vergeblich versucht hatte, von Mustafa Kemal die Erlaubnis zur Zusammenarbeit mit der offiziellen Regierungspartei zu erwirken.[1]

Dem Temps zufolge behauptet die Anklage, dass diese teils nächtlichen Zusammenkünfte darauf abzielten, ein politisches Gegenprogramm auszuarbeiten.[1] Tatsächlich beschlagnahmte die Polizei bei einer Hausdurchsuchung bei Dr. Nazim — einem der Parteigründer — ein solches Programm in neun Artikeln.[1] Djavid Bey gab schließlich zu, dass dieses Dokument bei ihm diskutiert worden sei.[1] Das Programm bezeichnete die Partei als „radikal und freiheitlich“ und forderte unter anderem ein Zweikammersystem aus Senat und Parlament sowie die Rückverlegung der Hauptstadt von Angora nach Konstantinopel.[1] In der Frage der Staatsform, insbesondere bezüglich einer möglichen Wiederherstellung des Sultanats, zeigten sich die Unionisten stark opportunistisch.[1]

Der Generalstaatsanwalt betonte, das Programm an sich sei nicht strafbar.[1] Jedoch hätten die Unionisten den Schritt von der bloßen Theorie zur Praxis vollzogen und durch geheime Umtriebe sowie Attentatspläne versucht, sich der Macht zu bemächtigen. Ziel war es, die kemalistische Regierung endgültig zu beseitigen.[1]