Der plötzliche Rückzug der Kuomintschun aus ihren unüberwindlich geglaubten Stellungen veranlasst ausländische Beobachter, von einer neuen Phase im chinesischen Bürgerkrieg zu sprechen.[1] Ursprünglich hatte man in der Hauptstadt erwartet, dass die Truppen die Linien der Alliierten zügig durchbrechen würden.[1] Doch die nationalen Armeen, die seit dem 2. Juli den rund 1900 Fuß über dem Meeresspiegel gelegenen Nankau-Pass hartnäckig hielten, befinden sich nun auf dem vollen Rückzug.[2] Nach Meldungen des Mukdener Generalstabs ist nicht nur der Pass, sondern auch die Stadt Huailai von den vereinigten Kräften der Marschälle Wupeifu (Wu Peifu) und Tschangtsolin kampflos besetzt worden.[2][3] Um ihre Verfolger aufzuhalten, reißen die weichenden Verbände auf ihrem Weg in die 116 Meilen nordwestlich gelegene Basis Kalgan die Eisenbahngleise auf.[2]
Wie diese militärische Wendung zustande kam, bleibt dem diplomatischen Korps vorerst ein Rätsel.[1] Ausländische Militärattachés, die kurz nach dem Rückzug die verlassenen Stellungen inspizierten, äußerten sich nach Berichten der China Mail erstaunt über die Stärke der feindlichen Befestigungen.[4] Das Terrain am Pass war fächerförmig über eine Distanz von zwölf Meilen ausgebaut und mit modernen Verteidigungsmitteln versehen.[4] Beobachter fanden schrapnellsichere Unterstände, tiefe Gräben sowie massive Stacheldrahtverhaue und stromführende Hindernisse vor.[4][5] Die weiträumige Anlage erinnerte die Experten an die umkämpften Schlachtfelder Frankreichs im Weltkrieg.[4][5] Alle Spuren deuten auf ein heftiges Bombardement durch die Artillerie der Fengtien-Armee hin, das die Kuomintschun offenbar aus ihren Positionen vertrieben hat.[4][5] Die alliierten Truppen sollen bei der Eroberung dieser Schlüsselstellung nicht weniger als 2000 Mann an blutigen Verlusten erlitten haben.[4][5]
In der Hauptstadt kursieren unterdessen viele Gerüchte über die Hintergründe der Räumung. Während einige Kreise Verrat innerhalb der Verteidiger vermuten,[1] meldet die Prawda ein mögliches Geheimabkommen zwischen Mukden und der nationalen Armee.[3] Auch aufseiten der Sieger ist die militärische Disziplin brüchig. So weigerten sich Truppenteile der alliierten Armeen in Fengtai, den Befehl zum Weitermarsch an die Front auszuführen, und attackierten einen Schnellzug. Sie konnten erst nach einem Feuergefecht entwaffnet werden.[3] Wie weit sich die Kuomintschun tatsächlich zurückziehen, bleibt ungewiss. Die Washington Post mutmaßt, sie könnten an der Großen Mauer erneut Stand halten.[2] Nach Informationen des Harburger Tageblattes, die auf einen abgefangenen Brief zurückgehen, planen die nationalen Kommandeure jedoch eine weiter gehende Evakuierung, die auch Kalgan und Süenhua (Suanhua) einschließen soll.[4][6]
Parallel zu diesen militärischen Entwicklungen verschärft die Pekinger Regierung ihren Kurs gegenüber den ausländischen Mächten. Wie offizielle Mitteilungen bestätigen, hat China den ersten Schritt zur Aufhebung der ungleichen Verträge getan, indem es der belgischen Regierung eröffnete, dass die bilateralen Exterritorialitätsverträge am 29. Oktober automatisch auslaufen.[1] Peking bereitet sich darauf vor, sämtliche derartigen Abkommen mit den übrigen Staaten ebenfalls zu kündigen.[1] China bietet Belgien jetzt den Abschluss eines neuen Zollvertrags auf der Grundlage voller Gleichberechtigung an, nach dem Vorbild der Verträge mit Deutschland und Österreich.[1] Sollte Brüssel sich weigern, droht die chinesische Seite, den Boykott englischer und japanischer Waren auf belgische Importe auszudehnen.[1] Die diplomatische Verwirrung wird dadurch verstärkt, dass die japanische Regierung beschlossen hat, die Einladung Pekings zur allgemeinen Zollkonferenz abzulehnen und stattdessen eine unabhängige Zusammenkunft in Shanghai vorbereitet.[6]