Das französische Kabinett denkt nicht daran, das Parlament bereits im September aus den Ferien zurückzurufen, um die Schuldenabkommen von Washington und London zu ratifizieren.[1] Wie der Temps nachdrücklich unterstreicht, besteht weder aus innen- noch aus außenpolitischen Gründen ein Anlass für eine überstürzte Einberufung der Kammern.[1] Schließlich tritt der amerikanische Kongress erst im November zusammen, und auch der amerikanische Senat wird sich erst danach mit den Verträgen befassen.[1] In Paris betont man, dass Frankreich als Schuldnernation zwar zu seinen Verpflichtungen stehe, sich jedoch das Recht vorbehalte, die Abkommen in Ruhe zu prüfen.[1]

Trotzdem ist der Druck im Land enorm. Nach Angaben des Figaro versuchen manche Kreise, die eine Ratifizierung der Abkommen um jeden Preis erreichen wollen, auf einen raschen Zusammentritt der Kammern hinzuwirken, da sie offenkundig eigene gewichtige Interessen zu wahren haben.[2] Die Dringlichkeit ergibt sich aus der anhaltenden Währungskrise. Der Publizist Lucien Romier warnt in derselben Zeitung, dass dringend neue Instrumente zur Stützung des Wechselkurses benötigt werden, nachdem der sogenannte Morgan-Fonds aufgebraucht ist.[1] Der radikalsozialistische Abgeordnete und frühere Minister Lamoureux macht in der Provinzpresse deutlich, dass der Staat ohne ausländische Kredite, die wiederum zwingend an die Schuldenratifizierung geknüpft seien, den Gefahren einer Panik schutzlos ausgeliefert bliebe.[1] Wie verzweifelt die Regierung Poincaré um Stabilität ringt, zeigt laut der Neuen Freien Presse ein unlängst beschlossenes Teuerungsprogramm.[3] Um die drastischen Folgen der Franc-Baisse abzufedern, wurden Gastwirten offene Preislisten vorgeschrieben und die Speisekarten in Restaurants zwingend auf zwei Gänge beschränkt — Maßnahmen, die vielfach als unbeholfen kritisiert werden.[3]

Unterdessen blickt man aufmerksam nach Washington, wo die wachsende Opposition der europäischen Schuldnerstaaten offenbar nicht unbemerkt bleibt. Der Hong Kong Telegraph greift amerikanische Zeitungsberichte auf, wonach der amerikanische Botschafter Houghton in die Vereinigten Staaten zurückkehren wolle, um eine Modifikation der Schuldenvereinbarungen zu besprechen.[4] Vor allem die Briten hielten die Behandlung für ungerecht, da anderen Nationen weit größere Zugeständnisse gemacht worden seien.[4] Das amerikanische Außenministerium bestreitet diese Reisepläne jedoch und lässt verlauten, Houghton weile lediglich zum Urlaub in Schottland.[4] In Paris warnt man derweil davor, die französische Finanzpolitik den nahenden Kongresswahlen in Amerika unterzuordnen. Frankreich, so mahnt der Temps am Schluss seiner Betrachtung, dürfe keinesfalls der Einsatz bei den parteipolitischen Machtkämpfen in den Vereinigten Staaten sein.[1]