Während der Europäische Nationalitätenkongress in Genf laut der Kölnischen Zeitung derzeit Debatten über die „Sicherung der kulturellen Entwicklungsfreiheit“ und die wirtschaftliche Gleichberechtigung von Minderheiten führt,[1] zeigt sich im sowjetischen Kaukasus ein praktischer Wandel der Infrastruktur. Die Zentralregierung in Moskau treibt den Ausbau Tschetscheniens massiv voran. Ziel ist es, das rückständige Gebiet wirtschaftlich zu erschließen und fester an den Staat zu binden.[2]
Wie die Moskauer Prawda berichtet, galt die vollkommene Wegelosigkeit bisher als das Haupthindernis für die Entwicklung der dortigen Produktivkräfte.[2] Diesem Zustand soll nun durch umfangreiche Bauprojekte ein Ende bereitet werden. Gegenwärtig befinden sich zwei neue Landstraßen im Bau, die über steile Gebirgspässe führen.[2] Die einheimischen Bergvölker, die traditionell ein isoliertes Leben führten, beteiligen sich an diesen gefährlichen Straßenarbeiten in besonders aktiver Weise.[2]
Neben der verkehrstechnischen Erschließung sind der kulturelle und medizinische Ausbau zentrale Punkte im Programm der Verwaltung. Dem sowjetischen Parteiorgan zufolge werden derzeit in vier tschetschenischen Dörfern moderne Krankenhäuser errichtet.[2] Gleichzeitig entstehen neue Schulen sowie zwei Käsereien, die den Grundstock für eine künftige regionale Industrie bilden sollen.[2]
Trotz dieser materiellen Fortschritte stehen der sowjetischen Führung erhebliche gesellschaftliche Hürden gegenüber. Die Landbevölkerung Tschetscheniens besteht noch immer fast vollständig aus Analphabeten.[2] Aus diesem Umstand bezieht das muslimische Geistlichentum, dessen Aktivität laut den Berichten deutlich zunimmt, weiterhin Einfluss.[2] Die offizielle Presse räumt unumwunden ein, dass die Macht der religiösen Führer über die Bevölkerung keineswegs gebrochen sei.[2] Der beschleunigte Bau von Schulen und Verkehrswegen ist für Moskau daher nicht zuletzt auch eine politische Maßnahme. Damit soll der Einflussbereich der traditionellen Eliten schrittweise zugunsten der Zentralmacht zurückgedrängt werden.[2]