Die Oberverwaltung der Roten Armee ist einer umfassenden Umgestaltung unterzogen worden. Sie vereinigt nunmehr das Oberinspektorat der Armee, die Leitung der Militärschulen und die topografische Abteilung des Armeestabes unter einem Dach.[1] Im Zuge dieser Neuorganisation wurde Sergei Kamenew (Sergei Kamenew), Mitglied des Revolutionären Kriegsrates und bisheriger Oberinspekteur der Armee, zum Leiter der Oberverwaltung ernannt.[1] Der bisherige Inhaber dieses Postens, Lewitschew (Wassili Lewitschew), rückt auf die Position des Stellvertreters Kamenews ab.[1]

Auch bei den Seestreitkräften hat sich ein bedeutender Wechsel vollzogen. Der bisherige Kommandant der Roten Flotte, Sow (Eduard Zof), wurde seines Postens enthoben und durch den früheren stellvertretenden Kommandeur der Luftstreitkräfte, Mukliewitsch (Romuald Muklewitsch), ersetzt.[1] Die Deutsche Allgemeine Zeitung betont, dass der neue Heeresleiter Sergei Kamenew nicht mit dem Sowjetpolitiker Lew Kamenew (Lew Kamenew) zu verwechseln ist. Letzterer steht im Mittelpunkt der gegenwärtigen russischen Parteikrise.[1]

Das gesamte Revirement in den obersten Dienststellen von Heer und Flotte steht in engem Zusammenhang mit der innenpolitischen Krise der Sowjetunion.[1] Ziel dieser Maßnahmen ist offenbar die Ausschaltung der Anhänger der Sinowjewschen Opposition aus dem Regierungsapparat.[1] Dies betrifft insbesondere die Marineleitung, denn die Flotte sympathisierte in hohem Maße mit Sinowjew.[1] Dem Vorwärts zufolge stehen sich in Moskau derzeit die Mehrheit um Stalin (Josef Stalin) und die vereinigte Opposition aus Trotzki, Sinowjew und Lew Kamenew unversöhnlich gegenüber.[2] Auf jüngsten Versammlungen kam es zu heftigen Auftritten, bei denen die Parteiflügel scharf aneinandergerieten.[2] Die Opposition fordert eine stärkere innerparteiliche Demokratie und verfügt noch über Stützpunkte in der Provinz, während die eigentliche Macht fest in den Händen der Stalin-Gruppe liegt.[2] Die Umbesetzungen in der Roten Armee zeigen den Willen der Moskauer Führung, angesichts der unsicheren innenpolitischen Lage, diese Macht auch im militärischen Bereich entschieden abzusichern. Abweichende politische Strömungen sollen somit aus den Streitkräften entfernt werden.