Kurz vor der bevorstehenden Tagung des Völkerbundrates in Genf sorgt eine Meldung der Londoner Presse für erhebliche Unruhe.[1] Dem Evening Standard zufolge haben die interalliierten Kontrollorgane die Regierungen Großbritanniens, Frankreichs, Italiens, Japans und Belgiens auf eine angebliche Entdeckung aufmerksam gemacht.[2] Demnach habe Deutschland auf Werften in Amsterdam und an der Schelde den Bau einer Reihe von Unterseebooten in Auftrag gegeben.[1][2] Das englische Blatt zitiert ausführlich die einschlägigen Artikel des Versailler Vertrages.[1] Es wird Unverständnis darüber geäußert, auf welche Weise Deutschland diese Paragrafen umgehen könne. Zudem wird gefragt, wie ein Bau von U-Booten auf deutsche Rechnung in einem fremden Land überhaupt zulässig sein sollte.[1] Angeblich seien bereits diplomatische Vorstellungen in Berlin erhoben worden. Man warte nun auf deren rasche Beantwortung.[1][2]
In den zuständigen Berliner Kreisen haben die Publikationen zwar Beachtung gefunden, sie werden jedoch als haltlos zurückgewiesen.[1][2] Nach Angaben des Westfälischen Merkur geht man in der Reichshauptstadt nicht davon aus, dass der Meldung irgendwelche offiziösen englischen Quellen zugrunde liegen.[2] Vielmehr vermutet man, dass gewisse ausländische Kräfte die ruhige Entwicklung der internationalen Diplomatie stören möchten.[1][2] Die lancierte Nachricht solle offenbar dazu dienen, den voraussichtlichen Eintritt Deutschlands in den Völkerbund in letzter Minute zu erschweren.[1]
In politischen Kreisen unterstreicht man die Absurdität der Vorwürfe. Selbst wenn es in Deutschland Gruppen gäbe, die Rüstungsvorbereitungen treffen wollten, würden diese ein solches Vorhaben gewiss nicht derart offen im neutralen Nachbarland durchführen.[2] Wie das Harburger Tageblatt berichtet, bezeichnet man die Behauptung eines U-Boot-Baus im Ausland als eine leicht erkennbare Erfindung.[1]
Man erwartet, dass die niederländische Presse in Kürze ein energisches und lückenloses Dementi veröffentlichen wird, um diesen Behauptungen endgültig den Boden zu entziehen.[2] Unterdessen hat der Auswärtige Ausschuss des Reichstages in Berlin seine Beratungen fortgesetzt. Dabei bestätigte sich, dass Deutschland in der Frage der Ratssitze seinen ruhigen und sachlichen Standpunkt unverändert beibehält.[2]