Die Freie Stadt Danzig steht vor einer finanzpolitischen Schicksalsstunde. In der ersten Beratung des Gesetzentwurfes zur Durchführung der Finanzreform hat Senatspräsident Dr. Sahm eindringlich auf die Notwendigkeit hingewiesen, die Sanierungsvorlage noch vor der Septembertagung des Völkerbundrates zu verabschieden.[1] In einer bedeutsamen Ansprache mahnte er das Parlament, die wirtschaftliche Freiheit der alten Hansestadt durch eigene Entschlüsse zu wahren. Ein Eingreifen fremder Instanzen solle so vermieden werden.[1]

Im Gegensatz zu vielen anderen Staaten Europas habe Danzig keine Währungssorgen, erklärte der Senatspräsident. Nun müssten jedoch die internen Haushaltsschwierigkeiten bewältigt werden.[1] Da die Freie Stadt den Schutz des Völkerbundes beanspruche, müsse sie auch Wahrhaftigkeit gegenüber Genf beweisen.[1] Die Regierung habe daher das Völkerbundsekretariat und den Hohen Kommissar rechtzeitig über die angespannte Lage informiert.[1] Finanzsenator Dr. Volkmann unterstrich die Dringlichkeit und wies darauf hin, dass das zuständige Finanzkomitee des Völkerbundes bereits am 9. September auseinandergehe.[1]

Das Hauptaugenmerk der Sanierung liegt auf erheblichen Einsparungen bei den Personalausgaben. Wie die Kölnische Zeitung berichtet, laufen derzeit zähe Verhandlungen zwischen dem Senat und der Beamtenschaft. Ziel ist es, deren entschlossene Opposition gegen Gehaltskürzungen abzuschwächen.[2] Im Raum steht der Vorschlag, die unterste Grenze der zu kürzenden Gehälter auf 300 Gulden festzusetzen und den Zuschlag zur Einkommensteuer auf sechs Prozent zu erhöhen. Beamte blieben von Letzterem jedoch befreit.[2] Dr. Sahm richtete einen warnenden Appell an die Beamtenschaft, sich den staatlichen Notwendigkeiten nicht zu verschließen.[1] Andernfalls drohe, nach dem Vorbild Österreichs, eine weitreichende internationale Finanzaufsicht.[2] Der Präsident fasste die Gefahr in deutlichen Worten zusammen: „Wo eigener Wille zur Tat versagt, da entscheidet stets im Leben der Völker fremder Wille.“[1]

Die politische Umsetzung der Vorlage bleibt jedoch bis zur letzten Minute ungewiss. Für die notwendige Mehrheit von 60 Stimmen fehlt der Regierungskoalition derzeit der Rückhalt.[1] Nur 51 Abgeordnete der Sozialdemokraten, des Zentrums und der Reste der liberalen Fraktion stehen verlässlich hinter dem Entwurf.[1] Fünf beamtete Mitglieder der Liberalen sind aus Protest gegen den Gehaltsabbau bereits aus der Fraktion ausgetreten.[2]

Unterdessen findet ein weiterreichender Vorschlag zur Lösung der Danziger Wirtschaftskrise auch internationale Beachtung. Einem Bericht der Kölnischen Zeitung zufolge wird in Genfer Kreisen angeregt, das gesamte Gebiet der Freien Stadt zum Freihafen zu erklären.[2] In Londoner Amtskreisen sei dieser Plan mit Interesse aufgenommen worden. Man versichere an der Themse, dass die britische Regierung keine Einwände erheben werde, sollten sich die unmittelbar beteiligten Staaten auf eine solche Lösung verständigen.[2] Die kommenden Tage werden zeigen, ob der Volkstag aus eigener Machtvollkommenheit eine Bilanzierung des Haushalts zustande bringt.[2]