Die Kampagne gegen den preußischen Innenminister Severing, die sich seit geraumer Zeit in bestimmten Kreisen der Rechtspresse angekündigt hatte, ist nun offen ausgebrochen.[1] Wie die Kölnische Zeitung meldet, hat der Herausgeber der Bergisch-Märkischen Zeitung, W. Bacmeister, einen groß angelegten Angriff gestartet, der dem Minister die moralische Befähigung für sein hohes Staatsamt absprechen soll.[1] Dieser Artikel fand auch den Weg in die hauptstädtische Deutsche Zeitung, wobei das Blatt die Verantwortung für den Inhalt ausdrücklich dem Verfasser überlässt.[1]

Den Kern der Vorwürfe bilden angebliche finanzielle Transaktionen zwischen Severing und einem ehemaligen Parteimitglied der Sozialdemokraten namens Schlichting.[2][1] Nach Angaben des Westfälischen Merkurs wandten sich die Rechtsvertreter Schlichtings — unter ihnen auch der deutschnationale Landtagsabgeordnete Lüdicke — bereits am 24. Juni dieses Jahres mit einem Schreiben an den Minister.[3] Lüdicke scheint hierbei in seiner Eigenschaft als Rechtsbeistand die Rolle des Vermittlers zwischen Schlichting und dem Publizisten Bacmeister eingenommen zu haben.[2] In den Forderungen geht es um die nachträgliche Aufwertung und Rückzahlung alter Inflationsbeträge.[3][4] Konkret wird behauptet, Schlichting habe im Januar 1921 einen Scheck über 25.000 Mark übergeben, der für die Gründung einer Zeitung bestimmt gewesen sei, jedoch für wohltätige Zwecke verwendet worden sei.[1][3] Zudem steht ein sogenanntes Gefälligkeitsdarlehen von 300.000 Mark im Raum, das im September 1922 bei der Staatsbank eingezahlt worden sei und dessen Rückzahlung Schlichting nun in barem Goldmarkwert verlangt.[3]

Die amtlichen Feststellungen und die schnellen Reaktionen aus Severings Umfeld ließen das Gerüst dieser Anschuldigungen jedoch zügig zusammenbrechen.[2] Dem Hamburger Echo zufolge war das ursprüngliche Darlehen über 25.000 Papiermark tatsächlich für ein in finanzielle Not geratenes westdeutsches Parteiblatt vorgesehen und wurde diesem zur Aufrechterhaltung des laufenden Betriebes ordnungsgemäß zugeführt.[4] Noch deutlicher fällt die Situation bei den 300.000 Mark aus dem Jahr 1922 aus.[5] Die Sächsische Staatszeitung berichtet hierzu, dass dieser hohe Betrag zur Zeit der galoppierenden Inflation lediglich einem tatsächlichen Wert von 60 Goldmark entsprach.[5] Als Severing von eigenmächtigen Spekulationen Schlichtings erfuhr, untersagte er die Weiterführung des Kontos ausdrücklich.[5] Den auf ihn entfallenden Anteil von 60 Goldmark behielt der Innenminister nicht für sich, sondern wies ihn umgehend der Ruhrhilfe zu, die sich um die Frauen und Kinder der im passiven Widerstand streikenden Arbeiter kümmerte.[4][5] Die B. Z. bestätigt anhand verlässlicher Mitteilungen nachdrücklich, dass Severing sich aus der Bekanntschaft zu diesem Mann keinerlei Vermögensvorteile verschafft habe.[4]

Das Zerwürfnis zwischen dem Minister und seinem früheren Bekannten hat maßgebliche persönliche Gründe, die mit der Amtsführung Severings nicht in Zusammenhang stehen.[4] Schlichting versuchte wiederholt, den Minister zu veranlassen, seinen politischen Einfluss in unrechtmäßiger Weise für private Kreditgeschäfte einzusetzen.[2][4] Nachdem Severing dies in korrekter und entschiedener Weise ablehnte, wandelte sich das Verhalten der Gegenseite von anfangs vertrauensvoll zu ausgesprochen feindselig.[2][4] Schlichting verließ die Partei, wandte sich völkischen Kreisen zu und stellt diesen nun sein vermeintliches Material zur Verfügung.[4] Um die Anschuldigungen aufzubauschen, greift man auch auf belanglose Einzelheiten zurück.[3] So wird etwa beanstandet, Severing habe zu seiner Silberhochzeit 100 Flaschen Sekt bestellt, deren Rechnung nicht beglichen worden sei, und es wird ein Missverhältnis zwischen den wertvollen Geschenken Schlichtings und den Gegengeschenken der Familie Severing beanstandet.[3][4]

Der Minister selbst, der laut Hauptstadtpresse zwar gekräftigt, aber noch nicht völlig genesen aus seinem Erholungsurlaub zurückkehrte, hat den Kontakt zu Schlichting bereits vor längerer Zeit abgebrochen.[2][4] Er wird von Wolfgang Heine, dem ehemaligen Innenminister und Rechtsanwalt, vertreten, der am 10. August in einem umfangreichen Schreiben auf die Forderungen einging.[3][4] Ein vorheriger Einigungsversuch, wonach zwei frühere Parteifreunde die Angelegenheit dem Parteivorstand zur Schlichtung übergeben wollten, wurde von Schlichting abgelehnt.[3]

In weiten Teilen der seriösen Presse stößt das Vorgehen Bacmeisters auf scharfe Ablehnung.[2] Das Berliner Tageblatt befürchtet, dass vor allem die deutschnationale Provinzpresse aus Bacmeisters Quellen schöpfen werde, stellt jedoch zugleich fest, dass große konservative Organe wie die Kreuz-Zeitung und die Deutsche Tageszeitung den Angriff bislang ignoriert hätten.[2] Die Hugenberg-Presse begnügte sich mit kurzen Auszügen von Behauptung und Widerlegung.[2] Die Zentrumszeitung Germania verurteilt die Verleumdungskampagne als unsaubere Methode rechtsradikaler Kreise, die mit Angriffen auf führende Männer der Republik das Staatswesen selbst treffen wollen.[4] Die Vorwürfe rücken bei genauer Betrachtung vor allem den Kläger in ein zweifelhaftes Licht.[2]