Wie an hiesigen amtlichen Stellen bestätigt wird, hat die Pariser Botschafterkonferenz bereits am 17. August drei neue Noten zur Entwaffnungsfrage an die deutsche Botschaft in Paris gerichtet.[1] Inzwischen wurden die Schriftstücke der Reichsregierung in Berlin übermittelt.[2] Das Vorgehen der Alliierten rief in der Reichshauptstadt eine gewisse unangenehme Überraschung hervor.[1]

Die erste Note befasst sich eingehend mit der militärischen Tätigkeit der rechtsgerichteten Verbände.[1][3] Die alliierten Regierungen fordern den Erlass klarer gesetzlicher Bestimmungen, um das Vorgehen dieser Organisationen wirksam zu unterbinden.[1] Nach Angaben des Hamburger Echos geht es den Absendern insbesondere um den sogenannten „Schießunfug“ der rechtsradikalen Bünde.[2]

In der zweiten Note führt die Botschafterkonferenz Klage über die ungesetzliche Einstellung von Mannschaften in die Reichswehr.[1][2] Eine kürzlich ergangene Verfügung des Reichswehrministeriums, die alle dem Wehrgesetz widersprechenden Einstellungen verbietet, wird von alliierter Seite als ungenügend bezeichnet.[1][4] Dem Westfälischen Merkur zufolge wird beanstandet, dass frühere Forderungen der Interalliierten Militärkontrollkommission (IMKK) in dieser Angelegenheit nicht ausreichend befolgt worden seien.[4]

Die dritte Note richtet sich gegen die allgemeine Haltung der deutschen Behörden gegenüber den Kontrollorganen. Es wird scharfe Beschwerde darüber geführt, dass die Entwaffnung absichtlich verschleppt werde.[1] Die Alliierten werfen der Reichsregierung vor, den Anordnungen der Kontrollkommission „absichtlich Schwierigkeiten“ zu bereiten und verlangen eine sofortige Befolgung der ausstehenden Forderungen.[2][4]

Trotz der ernsten Materie wird in diplomatischen Kreisen betont, dass der Tonfall des Briefwechsels als korrekt angesehen wird.[3] Einem Bericht des Berliner Tageblatts zufolge ist der Charakter der Noten keineswegs ultimativ, wie es von Seiten der Rechtspresse in den vergangenen Tagen fälschlicherweise behauptet worden war.[3] Die Dokumente stellen vielmehr den üblichen diplomatischen Schriftwechsel dar, der auf Veranlassung der Kontrollkommission von Zeit zu Zeit erfolgt.[4] Eine offizielle Veröffentlichung des Wortlauts ist weder von Paris noch von Berlin aus vorgesehen.[3][2] Es wird jedoch in politischen Kreisen angenommen, dass der Inhalt der Noten bei den bevorstehenden Verhandlungen in Genf zur Sprache kommen könnte.[2]

Die plötzliche Aktivität der Botschafterkonferenz wirft in Berlin Fragen nach der Rolle der Interalliierten Militärkontrollkommission auf. In Paris herrscht Unklarheit darüber, warum die Kommission unter General Walch es für notwendig hielt, die Botschafterkonferenz als Instanz für Beschwerden vorzuschieben.[1] Die Kontrollkommission selbst verzeichnet seit Jahresbeginn durch die Auflösung der Distriktkommissionen in der Provinz eine personelle Verminderung um 17 Offiziere, darunter sieben Franzosen und fünf Engländer.[4]

Die diplomatische Atmosphäre wird derweil durch Gerüchte in der Auslandspresse weiter belastet. So sah sich die Reichsregierung gezwungen, eine Meldung des Londoner Evening Standard scharf zu dementieren, wonach die Entwaffnungskommission Deutschland wegen angeblicher Unterseebootbauten in den Niederlanden abgemahnt habe.[1] An unterrichteter Stelle wird versichert, dass weder eine derartige Note existiert, noch die Behauptungen über den heimlichen U-Boot-Bau den Tatsachen entsprechen.[1]