Die polnische Hauptstadt wird gegenwärtig von einem ungeheuerlichen Korruptionsskandal erschüttert, der in der hiesigen Presse bereits als „Polizei-Panama“ bezeichnet wird.[1] Wie der Vorwärts meldet, veröffentlicht das Piłsudski nahestehende Blatt Głos Prawdy täglich neue Enthüllungen über die katastrophalen Zustände innerhalb der Warschauer Kriminalpolizei.[1] Nach diesen Berichten sollen die meisten großen Einbrüche und Diebstähle der jüngeren Vergangenheit unter dem direkten Protektorat einzelner Kriminalkommissare verübt worden sein.[1]
Die Methoden der Beamten nahmen offenbar systematische Züge an. Untergeordnete Organe seien von ihren eingeweihten Vorgesetzten gezielt bei der Aufklärungsarbeit behindert worden.[1] Verhaftungen durften demnach nur vorgenommen werden, nachdem die Kommissare zuvor darüber entschieden hatten, ob ein bestimmter Täter überhaupt verhaftet werden solle.[1] Laut dem Vorwärts leitete die Polizei Ermittlungen absichtlich in die falsche Richtung. Dies sollte jede Aufklärung verhindern.[1] Ein besonders tragischer Fall betrifft ein Pelzwarengeschäft: Obwohl den Kommissaren Täter sowie Aufbewahrungsort der Beute bekannt waren, verlangten sie von der geschädigten Firma eine erhebliche Belohnung für die Rückführung.[1] Da diese nicht gezahlt wurde, ließen sie das Diebesgut unter Polizeischutz nach Danzig bringen. In der Folge nahm sich der ruinierte Eigentümer das Leben.[1] Einem anderen Beamten wird vorgeworfen, für die Vertuschung eines Einbruchs eine Villa sowie 2000 Dollar erhalten zu haben.[1]
Dem Hamburger Echo zufolge ist ein weiterer involvierter Kommissar bereits aus der Zeit der zaristischen Ochrana bekannt. Er soll seine einflussreiche Stellung nun systematisch für Erpressungen genutzt haben.[2] Die beschuldigten Beamten versuchten unterdessen, die Redaktion des Głos Prawdy durch Bestechungsangebote und massive Drohungen zum Schweigen zu bringen.[2] Nachdem der Verfasser der Enthüllungsartikel von den Angegriffenen mit dem Tode bedroht worden war, begab er sich unter den Schutz der Gendarmerie.[2]
Der finanzielle Schaden für den polnischen Staat ist erheblich. Nach Angaben des Vorwärts belaufen sich die jährlichen Verluste durch Korruption auf 530 Millionen Zloty. Davon entfallen allein auf das Spiritusmonopol 250 Millionen Zloty.[1] Ein Drittel der gesamten Staatsausgaben Polens müsse auf das Konto der Korruption gesetzt werden.[1] Der Regierungskommissar der Stadt Warschau hat nun die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Erste Suspendierungen der belasteten Kriminalkommissare sollen unverzüglich wirksam werden.[1]