Wer heute die südfranzösische Stadt Lourdes besucht, wird Zeuge eines bemerkenswerten Massenphänomens.[1] Jährlich strömen rund 800.000 Pilger in die Kleinstadt, die selbst nur 8000 Einwohner zählt.[1] Der Andrang reißt nicht ab, wie Berichte des Temps zeigen.[2] Demnach werden am 31. August 7000 italienische Pilger in 13 Sonderzügen die französische Grenze überqueren.[2] Diese Wallfahrt, an der neben Kardinal Lucidi zehn weitere Erzbischöfe und Bischöfe teilnehmen, gilt als die größte, die das italienische Komitee jemals organisiert hat.[2] In den Straßen von Lourdes hört man alle Sprachen, und die Geschäfte werben mehrsprachig um die zumeist arme Kundschaft.[1] Sogar der Credit Lyonnais weist auf Deutsch darauf hin, dass er Geld wechsle.[1] Bemerkenswert ist zudem, dass Lourdes als erste Stadt Frankreichs bereits am 11. November 1919 ein Denkmal für die gefallenen Krieger enthüllte.[1]

Das Zentrum der Verehrung bildet die Grotte, an der Bernadette Soubirous im Jahre 1858 ihre Visionen erlebt haben soll.[1] Nach Angaben der Badischen Presse sprudeln aus der dortigen Quelle täglich 122.400 Liter Wasser, das in große Becken für die Krankenbäder geleitet wird.[1] Fast jeden Abend trifft ein neuer Zug mit leidenden Menschen ein.[1] Um vier Uhr nachmittags findet die tägliche Prozession statt, bei der oft bis zu 1500 Kranke auf Bahren und Rollstühlen vor der Grotte aufgereiht liegen.[1] Vor jedem Einzelnen tritt ein Geistlicher und macht das Zeichen des Kreuzes.[1] Am Abend versammeln sich die Gläubigen zu einer Lichterprozession, die um zehn Uhr nachts mit einem in allen Sprachen gesungenen Credo endet.[1] Die katholischen Geistlichen verweisen auf etwa 2800 Wunderheilungen in den vergangenen 70 Jahren, an deren Überprüfung auch Hunderte von Ärzten aus aller Welt beteiligt sein sollen.[1]

Neben der Frömmigkeit offenbart sich — eingebettet in die majestätische Bergwelt der Pyrenäen — auch eine enorme kommerzielle Geschäftigkeit.[1] Die architektonische Kulisse bilden drei übereinander errichtete Gotteshäuser, darunter die 1860 erbaute Rosenkranzkapelle und die Basilika.[1] Das Berliner Tageblatt schildert anschaulich die unzähligen Läden in den steilen Gassen, die Namen wie „Zur Gnade Gottes“ oder „Sacred heart of Jesus“ tragen.[3] Die Pilger können Leuchtfiguren der Jungfrau Maria für fünfeinhalb Francs oder Spieluhren erwerben, die das Ave Maria erklingen lassen.[3] Selbst ein offizielles Kino, das „Cinema Catholique“, zeigt einen vom Papst gebilligten Film über die Erscheinungen der erst im Juni 1925 seliggesprochenen Bernadette, deren jüngster Bruder dicht neben der Basilika einen Devotionalienhandel betreibt.[1][3]

Wer jedoch unter dem skeptischen Eindruck von Zolas Roman Lourdes anreist, wird von der Hingabe vieler Teilnehmer überrascht.[1] Die schiere Masse der Gläubigen umfasst keineswegs nur alte Frauen, sondern ebenso junge Leutnants, mit Orden geschmückte Generale und Universitätsprofessoren, die betend niederknien.[1] Über hunderttausend gestiftete Marmortafeln zeugen vom Dank genesener Pilger.[1] Eine Legion freiwilliger Krankenträger, darunter Offiziere und Träger der Ehrenlegion, kümmert sich um die Hilfsbedürftigen.[1] Man spürt hier deutlich ein Wiedererstarken des religiösen Geistes nach den Erschütterungen des Weltkrieges.[1] Es zeigt sich eindrücklich, dass die Kirche als organisatorische Macht besteht und eine tief verwurzelte Sehnsucht der Menschen anspricht.[3]