Die diplomatischen Bemühungen um eine vertragliche Sicherung Osteuropas treten in eine neue Phase, nachdem die amtliche russische Telegrafenagentur offizielle Verhandlungen zwischen Sowjetrussland und Polen über einen Garantie- und Nichtangriffspakt bestätigt hat.[1] Wie die Deutsche Allgemeine Zeitung meldet, übergab der sowjetrussische Gesandte Pjotr Woikow dem polnischen Außenminister August Zaleski in Warschau — noch vor dessen Abreise zur Völkerbundversammlung nach Genf — einen bereits vollständig ausgearbeiteten Vertragsentwurf.[2]

Die strategischen Positionen beider Regierungen weisen jedoch grundlegende Differenzen auf. Moskau strebt nachdrücklich den Abschluss bilateraler Einzelverträge an. Dieser diplomatische Standpunkt ist nach Angaben der Kölnischen Zeitung vor allem davon geleitet, dass Sowjetrussland unter keinen Umständen ein polnisches Protektorat über die kleineren Randstaaten anerkennen will.[1] Die polnische Regierung hält dagegen strikt an der Forderung fest, die Abmachungen als ein einheitliches Ganzes zu behandeln, und beabsichtigt, den russischen Vorschlag zunächst intensiv mit den baltischen Staaten zu beraten.[2]

Auf einem Presseempfang in Paris verdeutlichte Zaleski die polnischen Bedenken gegenüber dem Moskauer Vorstoß. Nach Berichten des Pariser Temps betonte der Minister, dass das Verhältnis zu Russland derzeit ausreichend durch den Vertrag von Riga geregelt sei.[3] Zaleski erklärte den Korrespondenten, Polen wünsche statt eines bilateralen Vertrages vielmehr ein osteuropäisches Sicherheitssystem im Sinne von Locarno. Die sowjetrussische Seite hingegen biete eine bilaterale Entente nach dem Muster von Rapallo an.[2] Ein derartiger zweiseitiger Neutralitätsvertrag würde im Ernstfall Neutralität sowie den Verzicht auf wirtschaftliche Blockaden verlangen.[1] Solche Abmachungen seien mit den Pflichten Polens gegenüber dem Völkerbund — insbesondere bei einer etwaigen Anwendung von Artikel 16 der Völkerbundsatzung — offensichtlich unvereinbar.[3]