Die amerikanische Schuldenpolitik gerät zunehmend unter Druck. Newton D. Baker, der ehemalige amerikanische Kriegssekretär unter Präsident Woodrow Wilson, hat einen aufsehenerregenden Appell zur vollständigen Streichung der interalliierten Kriegsschulden veröffentlicht.[1] In einem Beitrag für die amerikanische Fachzeitschrift Trade Winds fordert Baker die rasche Einberufung einer Weltkonferenz, um die belastenden internationalen Finanzverpflichtungen aus der Welt zu schaffen.[1]
Nach Berichten des Figaro argumentiert der Politiker, die Schulden der Alliierten gegenüber den Vereinigten Staaten müssten annulliert werden, um die wirtschaftliche Erholung von Frankreich, England, Italien und Belgien zu ermöglichen.[1] Gleichzeitig verlangt er eine Herabsetzung der deutschen Reparationszahlungen, da die drückende Last auf den Schultern Deutschlands andernfalls nicht gelindert werden könne.[2][1] Dem Temps zufolge warnte Baker eindringlich davor, dass eine jahrzehntelange Tributpflicht an Amerika — ähnlich der Praxis im antiken Rom — die europäischen Industrien erdrücken würde.[3] Eine florierende europäische Wirtschaft bringe den Vereinigten Staaten auf lange Sicht deutlich mehr Gewinn als die jährlichen Ratenzahlungen.[3]
Zeitgleich mit Bakers Vorstoß hält sich der amerikanische Finanzminister Andrew W. Mellon in Europa auf. Dadurch werden die bestehenden Spekulationen über eine mögliche Revision des Dawes-Planes erneut angefacht.[2] Laut der Badischen Presse erkennen Teile der amerikanischen Öffentlichkeit, dass ein Beharren auf streng kaufmännischen Prinzipien zum Verlust der gesamten europäischen Kredite führen könnte.[2] Mellon, der sich nach einem Kuraufenthalt nun in Paris aufhält, wird heute mit dem französischen Ministerpräsidenten Raymond Poincaré sowie Außenminister Aristide Briand zusammentreffen.[1][4] Wie der Evening Star berichtet, erwarten maßgebliche Kreise in der französischen Hauptstadt zwar keinen sofortigen Wandel. Man erhofft jedoch, Missverständnisse im langwierigen französisch-amerikanischen Schuldenstreit auszuräumen.[4] Im Anschluss reist Mellon nach London weiter, um mit dem amerikanischen Botschafter Alanson B. Houghton und dem Gouverneur der Bank von England, Montagu Norman, zu konferieren.[1][3]
In Washington stoßen die Annullierungspläne jedoch auf massiven Widerstand. Aus der Washington Post geht hervor, dass maßgebliche Regierungsbeamte den Vorstoß Bakers entschieden ablehnen.[5] Diese betonen, die Milliardenkredite seien durch Kriegsanleihen der amerikanischen Bürger finanziert worden.[5] Bei einem Zahlungsausfall Europas müsste der amerikanische Steuerzahler die Lasten tragen.[5] Senator Pat Harrison aus Mississippi fordert strenge Maßnahmen: Solange Frankreich kein verbindliches Schuldenabkommen unterzeichne, solle amerikanischen Bürgern die Reise dorthin untersagt werden.[5] Nach der gegenwärtigen Lage erscheint eine vollständige Streichung der Schulden in den Vereinigten Staaten als ausgeschlossen.[5]