Die lückenhaften Nachrichten aus Mittelamerika zeichnen derzeit ein verwirrendes Bild der Lage: Man liest von bewaffneten Aufständen, politischen Morden, Streiks und Massendemonstrationen. Dadurch bleiben dem fernen Beobachter die eigentlichen Ursachen rasch verborgen.[1] Doch der sogenannte ‚Kulturkampf‘ in Mexiko, der nun mit voller Härte entbrannt ist, stellt keineswegs ein Phänomen der jüngsten Zeit dar.[1] Wie der Vorwärts unter Berufung auf den Zeitungsdienst des Deutschen Lehrervereins ausführlich berichtet, reichen die Wurzeln dieses erbitterten Konflikts weit zurück in die Befreiungskämpfe der Ureinwohner gegen die einstige spanische Herrschaft.[1] Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung steht das historische Bestreben der katholischen Kirche — und hierbei insbesondere der aus Europa eingewanderten spanischen Priester —, den mexikanischen Grund und Boden in immer größerem Ausmaß an sich zu ziehen.[1] Seit mehr als sechs Jahrzehnten bemühen sich die Mexikaner, den von der Kirche angeeigneten Grundbesitz durch strenge Verfassungsbestimmungen wieder in Staatsbesitz zu überführen.[1] Die staatlichen Instanzen wollen zudem die sehr hohe Zahl der Geistlichen beschränken und ihnen den prägenden Einfluss auf die Schulbildung entziehen. Auch die bestehenden Mönchsorden sollen beseitigt werden.[1]

Gegen diese Verfassungsbestimmungen und die darauf beruhenden Gesetze wehrt sich die katholische Geistlichkeit nun mit äußerster Schärfe.[1] Gläubige, die die staatlichen Maßnahmen anerkennen, werden unmittel-bar mit der Exkommunikation bestraft.[1] Um ihren Protest auch für die breite Masse fühlbar zu machen, haben die Priester den Entschluss gefasst, in den Kirchen keinerlei gottesdienstliche Handlungen mehr vorzunehmen.[1] Zugleich wurden die kirchlichen Bildungsanstalten, deren Zahl sich im ganzen Land auf mehrere Tausend beläuft, geschlossen.[1] Die Geistlichkeit richtet derweil die Aufforderung an die Eltern, ihre Kinder ebenfalls nicht mehr in die öffentlichen Schulen zu schicken. Da ein Religionsunterricht dort verfassungsgemäß untersagt ist, empfehlen die Geistlichen diesen Schritt.[1] Stattdessen bemühen sich Priester, Schulbrüder und Schulschwestern jetzt, den Unterricht im Verborgenen innerhalb der Privathäuser zu erteilen.[1]

Die mexikanische Regierung lässt diese offene Missachtung ihrer Autorität jedoch nicht unbeantwortet und wendet rigoros ihre polizeilichen Machtmittel an.[1] Sie belegt die Kirchengebäude mit Beschlag und sucht mit allen Mitteln, jede unterrichtliche Tätigkeit der Kleriker innerhalb der Familien zu unterbinden.[1] Die staatlichen Behörden sehen sich zu diesem Vorgehen gezwungen, da die Volksunwissenheit in keinem anderen modernen Kulturstaat so ausgeprägt ist wie in Mexiko.[1] Den Berichten zufolge kann derzeit nur etwa jeder achte Einwohner lesen und jeder siebte lesen und schreiben.[1] Präsident Calles (Plutarco Elías Calles) hatte bereits bei Übernahme der Regierung vor zwei Jahren als eines seiner Hauptziele gefordert: „Mehr Bildung für die Massen!“[1] Obwohl Calles anfangs selbst von katholischen Kreisen in Europa für seinen Kampf gegen den Analphabetismus gelobt wurde, vergleicht man ihn heute mit den größten Christenverfolgern unter den römischen Kaisern.[1] Angesichts der Unruhen erscheint es nicht ausgeschlossen, dass die Opposition ihn stürzen könnte. Dennoch wird jede künftige Regierung gezwungen sein, den Kampf gegen die Unwissenheit fortzusetzen, während die Kirche früher oder später ihre Haltung überdenken muss.[1]