Aus dem niederländischen Exil hat sich der frühere deutsche Kaiser Wilhelm II. in aufsehenerregender Weise zur Kriegsschuldfrage und zur politischen Zukunft Deutschlands geäußert. Anlass bot eine Korrespondenz mit dem amerikanischen Professor Hermann Bernstein aus New York. Wie das Hamburger Echo berichtet, hatte der Gelehrte dem ehemaligen Monarchen ein Exemplar seines kürzlich erschienenen Buches Der Weg zum Frieden nach Haus Doorn gesandt.[1] Daraufhin ließ Wilhelm II. am 26. Juni durch seinen Adjutanten, den Grafen Finkenstein, ein Antwortschreiben verfassen. Dessen Wortlaut liegt nun der Öffentlichkeit vor.[2][1]

Das Dokument formuliert die politischen Ansprüche des Exkaisers mit unerwarteter Schärfe. Laut dem Schreiben besteht der einzige Weg zum echten Weltfrieden in der unumwundenen Anerkennung der deutschen Schuldlosigkeit am Ausbruch des Weltkrieges.[2][1] Daran knüpft der Brief die unabdingbare Forderung nach der Beseitigung des „Versailler Schanddiktats“, das nach Ansicht Wilhelms II. lediglich auf der Legende einer deutschen Alleinschuld aufgebaut sei.[1] Als dritten und entscheidenden Schritt verlangt Wilhelm II. die Rückführung Deutschlands in den Vorkriegszustand einer Monarchie, die aus seiner Sicht selbstverständlich von ihm als Kaiser regiert werden müsse.[2] Ohne die Erfüllung dieser Bedingungen werde es niemals Frieden geben.[1] In einem bemerkenswerten Schlussabsatz lässt der ehemalige Monarch mitteilen, er habe den Frieden der Welt dreißig Jahre lang zu wahren gewusst und werde dies mit Gottes Hilfe auch in Zukunft wieder tun.[2][1]

Die Veröffentlichung des Briefes hat in der republikanischen Presse des Inlands wie auch im benachbarten Ausland heftige Reaktionen ausgelöst. Der Nieuwe Rotterdamsche Courant zitiert ausführlich die bissigen Kommentare der Berliner Blätter.[2] So stellt das Berliner Tageblatt fest, Wilhelm II. sei offensichtlich noch immer davon überzeugt, dass es ohne ihn nicht gehe.[2] Wer jedoch die früheren Resultate seines politischen Genies erlebt hat, bringe ihm heute kaum noch unbegrenztes Vertrauen entgegen; allerdings glaube der ehemalige Kaiser weiterhin an sich selbst und an eine göttliche Stimme.[2]

Noch weitaus schärfer urteilt das Hamburger Echo. Die sozialdemokratische Zeitung verweist auf die Erfahrung, dass Geisteskranke sich selbst oft als geistesklar und die übrige Welt für verrückt ansehen.[1] Das Blatt zieht daraus den Schluss, dass auf moralisch-politischem Gebiet ganz ähnliche Erscheinungen möglich seien. Den Exmonarchen bezeichnet es schonungslos als „Schwächling“.[1] Die Redaktion erinnert daran, dass Wilhelm II. in Friedenszeiten stets vom scharfgeschliffenen Schwert geschwätzt habe. Beim Ausbruch der Katastrophe aber sei er stammelnd zurückgeschreckt.[1]