In der preußischen Innenpolitik vollzieht sich eine bemerkenswerte Annäherung über Parteigrenzen hinweg, nachdem die Angriffe auf den Innenminister Carl Severing ein bisher ungekanntes Ausmaß erreicht haben.[1] Die Nationalliberale Korrespondenz, das parteioffiziöse Organ der Deutschen Volkspartei, hat sich nun in unerwarteter Schärfe gegen die andauernde Hetze gewandt, mit der ein Teil der Öffentlichkeit den politischen Gegner zu diskreditieren sucht.[1][2] Dem Hamburger Echo zufolge fordert die Publikation angesichts der jüngsten Vorfälle eine „Einheitsfront aller Anständigen“.[2]
Kern des aktuellen Disputs ist der sogenannte „Fall Severing“, der durch das Vorgehen eines gewissen Schlichting und seiner Gesinnungsverwandten ausgelöst wurde.[1][2] Dabei ging es um persönliche Verleumdungen, die sich massiv in das Privatleben des Ministers hinein erstreckten.[1] In ihren Ausführungen stellt die Deutsche Volkspartei unmissverständlich klar, dass der politische Kampf zwingend vor der Privatwohnung des Gegners Halt zu machen habe.[1] Zwar räumt das Blatt ein, dass die Dinge bei Fällen nachgewiesener Korruption oder kriminellen Vergehen anders lägen; jedoch gebe es keinen Politiker mit gesundem Menschenverstand, der dem preußischen Innenminister derartige Verfehlungen ernsthaft zutrauen würde.[1][2]
Laut dem Westfälischen Merkur betont die Volkspartei, dass sie das „System Severing“ in der Vergangenheit zwar oft genug bekämpft habe, dem Minister dabei aber stets ein hohes politisches Format und zweifelsfreie moralische Qualität attestieren musste.[1][2] Die fast einhellige Ablehnung der jüngsten Verleumdungskampagne lasse nun auf eine allgemeine Besserung der politischen Sitten hoffen.[1] Wie das Blatt in seinem eigenen Kommentar ergänzt, sei es ausdrücklich zu begrüßen, dass auch von rechtsstehender Seite der Kampf gegen jene politischen Unsitten aufgenommen werde, die in den vergangenen Jahren bedauerlicherweise Platz gegriffen haben.[1] Für jeden anständigen Politiker müsse die persönliche Unantastbarkeit des Gegners eine unumstößliche Selbstverständlichkeit sein.[1]