Das Weiße Haus in Washington hat eine bemerkenswerte außenpolitische Offensive eingeleitet.[1] Wie die republikanische Presse in großer Aufmachung meldet, ist Präsident Calvin Coolidge fest entschlossen, die Durchführung des amerikanischen Luftflottenprogramms sowie den Bau von Kreuzern und Tauchbooten massiv zu beschleunigen, falls die Genfer Abrüstungskonferenz erfolglos bleiben sollte.[1] Die Deutsche Allgemeine Zeitung bezeichnet diese Ankündigung als den bisher schärfsten Schritt des gemeinhin als „schweigsamen Präsidenten“ bekannten Coolidge seit seinem Amtsantritt.[1]
Die offizielle Regierungslinie in Washington bemüht sich, diesen Vorstoß nicht als Abkehr vom Friedenskurs erscheinen zu lassen. Laut der Washington Post sehen US-Regierungskreise keinen Widerspruch zwischen der jüngsten Ankündigung des Marineministers Wilbur, die Vereinigten Staaten würden nach Abschluss des Programms die stärkste Marinefliegertruppe besitzen, und den Bestrebungen von Außenminister Kellogg, weitere Rüstungsbeschränkungen zu erreichen.[2] Bislang existiert kein internationaler Vertrag zur Begrenzung von Luftstreitkräften. Daher sieht sich Amerika berechtigt, die aus Sicht der nationalen Verteidigung notwendigen Maßnahmen zu ergreifen.[2] Die Vereinigten Staaten konnten bisher kein Abkommen zur Begrenzung von Flugzeugen abschließen, obwohl für Flugzeugträger eine Tonnagebeschränkung besteht.[2] Beim Bau von Unterseebooten, Kreuzern oder Zerstörern, welche nicht unter das Flottenabkommen von Washington fallen, betreibt man laut offizieller Darstellung keinen Rüstungswettlauf, sondern verfolgt lediglich die geforderte Entwicklung der eigenen Verteidigungskräfte.[2] In Washington betont man, dass das Land in der Luftfahrt nicht mit anderen Nationen konkurriere. Der Präsident halte die amerikanische Luftfahrt jedoch für ebenso weit fortgeschritten und gut ausgerüstet wie jene anderer Staaten.[2]
Gleichwohl richten sich die Warnungen des Präsidenten unmissverständlich an Europa. Coolidge ließ mitteilen, er habe die Entsendung amerikanischer Delegierter nach Genf nur widerstrebend gestattet, um den prinzipiellen Friedenswillen der Vereinigten Staaten zu verdeutlichen.[1] Nun sehe er sich veranlasst, die Weltöffentlichkeit daran zu erinnern, dass Amerika seinen enormen Reichtum zum Zwecke der Vermehrung der Rüstungen verwenden könne, falls das mit finanziellen Schwierigkeiten kämpfende Europa die amerikanischen Abrüstungsvorschläge weiterhin unbeachtet lasse.[1] Amerika würde in diesem Fall notfalls die Führung bei einem neuen Rüstungswettlauf übernehmen.[1]
Nach der Washingtoner Konferenz, die in der Flottenabrüstung lediglich Teilergebnisse brachte, hatte die amerikanische Regierung zunächst abgewartet.[1] Als Frankreich im November 1925 durch Paul-Boncour die Initiative für die Genfer Abrüstungskonferenz ergriff, beteiligte sich Amerika nur zögerlich.[1] Inzwischen beobachtet man in den USA mit Erstaunen, dass Frankreich gegen die früheren Grundsätze des Washingtoner Abkommens auftritt, während Großbritannien sich nachdrücklich einer Begrenzung seiner Kreuzerflotte entgegenstellt.[1] Politische Beobachter gehen davon aus, dass Coolidge — ehe er seine Rüstungsdrohung tatsächlich umsetzt — den Versuch erneuern wird, eine zweite Konferenz nach Washington einzuberufen.[1]